Wie Kinder Sprachen lernen Zweierlei Hirn

Gleiche Startchancen? In den sprachlichen Fächern haben die Mädchen ihre männlichen Altersgenossen längst überholt.

(Foto: Huber H.-B./laif)
  • In den sprachlichen Fächern sind Mädchen den Jungen in der Schule meist deutlich überlegen.
  • Eine Studie zeigt nun, woran das liegt - die für Lesen und Sprachenerwerb wichtigen Bereiche im Gehirn entwickeln sich demnach bei Schülerinnen früher.
Von Matthias Kohlmaier

Erst wurden sie ignoriert, dann gefördert, mittlerweile machen sie meist bessere Abschlüsse als ihre männlichen Altersgenossen: Die schulischen Leistungen von Mädchen bieten kaum mehr Anlass zur Sorge. Doch gerade ihre Vorteile gegenüber Jungen in den sprachlichen Fächern haben womöglich nicht nur mit Förderung zu tun, wie der Forscher Heiner Böttger von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt nun in einer noch unveröffentlichten Studie zeigt. Auszüge liegen der Süddeutschen Zeitung vor.

"Jungs haben keinen biologischen Nachteil, Mädchen entwickeln sich nur schneller", sagt Böttger über seine Forschung zum Sprachenerwerb von Kindern und Jugendlichen. Für seine Erhebung hat er die Hirnaktivität bei Vier- bis Neunjährigen bei Leseaufgaben gemessen. Ergebnis: Im besagten Alter entwickeln sich die für Lesen (und Schreiben) zuständigen Gehirnzellen hormonell unterschiedlich, bei Mädchen viel früher als bei Jungs. "Der Vorsprung der Mädchen kann bis zu drei Jahre betragen", so Böttger.

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Wichtig dabei ist die sogenannte Myelinschicht, die sich etwa bis zum 30. Lebensjahr um die Nervenfasern im Gehirn bildet. Je weiter diese Ummantelung entwickelt ist, desto höher die Leitungsgeschwindigkeit zwischen den Zellen. Das gilt auch für lange Nervenbahnen, zuständig für Schreiben und Lesen. Böttger hat herausgefunden, dass der Myelinisierungsgrad bei allen getesteten Mädchen höher war als bei Jungen. Für ihn beweist das, was in Grundschulen Alltag ist: "Mädchen lesen früher besser, da sie früher über entsprechende biologische Dispositionen verfügen."

Ein OECD-Bericht zu Geschlechterunterschieden in der Bildung hatte im vergangenen März auch ein deutliches Hinterherhinken von männlichen Schülern beim Lesen ausgemacht. "Das Lesevermögen ist das Fundament, auf dem fast der gesamte weitere Lernerfolg gründet", schreibt die OECD, "wenn Jungen schlecht lesen, leidet auch ihre Leistung in allen anderen Schulfächern." Ähnliche Folgerungen zieht der Didaktiker Heiner Böttger. Zwar nivelliere sich der neuronale Unterschied zwischen Mädchen und Jungen bis zum Alter von ungefähr 17 Jahren - das gelte aber nur, wenn Jungen nicht vorher schon wegen ihrer schwächeren Leistungen in sprachlichen Fächern stigmatisiert würden.

"Wir dürfen die Mädchen nicht kleinhalten"

"Lehrer müssen geschult werden, damit Jungs im Sprachenunterricht nicht frühzeitig zurückfallen", sagt Böttger. Daher müsse die Information über physiologische Unterschiede zwischen Geschlechtern in der Lehrerbildung vorkommen.

Die Studie zeigt nicht nur, dass Jungen im Vor- und Grundschulalter speziell gefördert werden müssten, um sprachlich mitzuhalten. Sie deutet auch darauf hin, dass Mädchen mehr leisten könnten, wenn sie mehr gefordert würden. Trotz der "Jungen-Krise" sagt Böttger: "Wir dürfen die Mädchen nicht kleinhalten." Er befürchtet "Decken-Effekte", wenn Mädchen im jungen Alter im gleichen Tempo wie männliche Klassenkameraden unterrichtet werden - obwohl sie aufgrund ihres bereits weiter entwickelten Gehirns viel mehr Möglichkeiten hätten.