Volksbegehren zu G8 und G9 Mehr Zeit für Träume

Ungeliebte Reform: Das achtjährige Gymnasium begleiten seit der Einführung Proteste.

(Foto: Robert Haas)

Schülern eines achtjährigen Gymnasiums bleibt wenig Zeit für breite Bildung und jugendliche Träumerei. Immer mehr Bundesländer beschließen eine Reform der Reform, in Bayern startet diese Woche ein Volksbegehren. Eine Rückkehr zum alten System wäre allerdings fatal.

Ein Kommentar von Roland Preuß

"Die Zeit heilt alle Wunder", singt die Band Wir sind Helden über das Aufwachsen. Und fragt: "Wann wirst du endlich lernen, dir nicht den Kopf zu verdrehen?" Sprich, das naive Staunen hinter dir lassen, die jugendliche Träumerei. Deutschlands Gymnasiasten sind da schon recht weit. Wer sich allzu lange umsieht für Hobby, Freundin oder Nebenjob, schafft sein Pensum nicht. Mehr denn je ist Konzentration gefragt - auf den Stoff, die nächste Prüfung, die Bildungskarriere. G 8, achtjähriges Gymnasium, lautet das Schlagwort für diese Entwicklung, die Schüler erschöpft und Eltern Angst macht.

Die Debatte darüber geht ihrem Höhepunkt entgegen: In Bayern startet diese Woche ein Volksbegehren für eine Wahlmöglichkeit zwischen dem bisherigen achtjährigen und einem neuen alten neunjährigen Gymnasium. Hamburg folgt im September mit einer ähnlichen Vorlage. Niedersachsen hat sich bereits für die Rückkehr zum G 9 entschieden, andere Bundesländer überlassen die Qual der Wahl den Schülern und Eltern. Die Frage, wo es hingehen soll mit den Gymnasien, polarisiert.

Die Rahmenbedingungen haben sich verändert

Unbestreitbar ist: Der verkürzte Weg zum Abitur zwingt zu mehr Nachmittagsunterricht und reduziert damit die selbstbestimmte Zeit. Entwicklung und Bildung aber brauchen Zeit. Wer sich Fähigkeiten abseits des Pflichtstoffes der Schule wünscht, Möglichkeiten zur individuellen Entfaltung, und sei es die Chance auf jugendliche Träumerei, der kann mit dem jetzigen Zustand nicht zufrieden sein. Das von den Kultusministern einst angekündigte Wunder, mehr Schüler in kürzerer Zeit ohne Abstriche zum Abitur zu lotsen, hat nicht stattgefunden. Vieles spricht dafür, die Schulzeit wieder zu entschleunigen, den jungen Menschen mehr Freiräume zu verschaffen. Sie bringen genug Neugier und Interessen mit, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Dieses Vertrauen sollte ihnen die Politik schenken.

Und sie sollte erkennen, dass sich die Rahmenbedingungen für Schulpolitik geändert haben. Vor gut zehn Jahren, als die meisten westdeutschen Länder das G 8 durch die Parlamente peitschten, stöhnten Politik und Unternehmen über Abiturienten, die 20 Jahre auf dem Buckel hatten, und über Uni-Absolventen um die 30. Im internationalen Vergleich war das bemitleidenswert betagt. Seither jedoch hat sich viel getan: Mehrere Bundesländer lassen die Kinder früher einschulen, Wehrpflicht und Zivildienst sind weggefallen, das neue Studiensystem mit Bachelor und Master führt rascher zu einem Abschluss. Das ist eine Zeitdividende, die sich nutzen lässt.

Eine bloße Rückkehr zum alten G 9 darf es nicht geben

Dabei kann es aber nicht um eine bloße Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium gehen. Ein G-9-Angebot muss die gewonnenen Möglichkeiten nutzen für einen besseren Unterricht, für Projekte abseits des Lehrplanes, für neue Lehrmethoden. Es gilt, das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern zu verbessern, das allzu oft in Gegnerschaft ausartet, den Lehrern mehr Fortbildungsmöglichkeiten zu eröffnen und Schülern Nachmittagsangebote. Kurz: Die Entzerrung muss genutzt werden für Reparaturen in den Gymnasien. Das neue G 9 darf nicht das alte sein - und kein G 8, nur gekappt um die Nachmittagsstunden - sonst wird die Reform eine große Enttäuschung werden.

Die wahrscheinlich größte Herausforderung wird sein, neben der längeren auch eine kürzere Schulzeit verträglich anzubieten. Wer mit der höheren Schlagzahl zurechtkommt, soll sich weiter ein Jahr sparen dürfen auf dem Weg zum Abitur, soll früher frei sein für Studium, Ausbildung oder das Reifejahr in Dublin oder Rio. Aber wird man noch genügend Eltern und Schüler finden für dieses G 8, dessen Ruf nach der verstolperten Schulzeit-Reform ruiniert ist? Werden die Interessenten reichen, mehrere Klassen oder ganze G-8-Schulen zu füllen? Derzeit dominieren die Bedenken, dem eigenen Kind durch das "Turbo-Abitur" zu schaden.

Den Weg weisen kleine pädagogische Wunder

Weitere Kürzungen des Stoffes allein werden das achtjährige Gymnasium nicht retten. Sie mögen die Schüler entlasten, doch sie nagen weiter am Anspruch des Abiturs, einen Menschen mit guter Allgemeinbildung auszustatten und mit der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Studium. Den Weg weisen Modelle, in denen das G 8 geräuschlos läuft. Es sind beispielsweise Ganztagsgymnasien, die klug getaktet sind. In denen der Unterricht mit Pausen und Freizeitangeboten wechselt, in denen die Jugendlichen nach einem langen Schultag unbelastet von weiteren Aufgaben nach Hause fahren.

Wenn solche kleinen pädagogischen Wunder gelingen, können Schüler endlich wieder ihren Kopf verdrehen. Unabhängig von der Länge der Schulzeit. Sie haben es verdient.