Vielfalt von Studiengängen Im Ausbildungs-Dschungel

Mehr Praxisbezug, das erwartet die Wirtschaft seit Langem von der Ausbildung an Hochschulen. Auch das ist ein Grund für die wachsende Diversifikation bei Bachelor- und Masterstudiengängen. Manche Angebote verschwinden aber auch wieder, etwa der "Coffee Manager". Es gab einfach zu wenige Interessenten.

(Foto: Erik de Castro/ Reuters)

Mehr als 18 000 Studiengänge gibt es in Deutschland. Den richtigen Studiengang herauszufiltern, ist schwierig. Deshalb lassen sich immer mehr künftige Hochschüler von Fachleuten beraten.

Von Bärbel Brockmann

Immer mehr junge Leute studieren. In immer mehr Fächern. 18 467 verschiedene Studiengänge waren nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz im Wintersemester 2016/17 im Angebot, circa 10 000 mehr als zu Beginn der Umsetzung des Bologna-Prozesses Anfang des Jahrtausends. Der Anstieg ist zum Teil eine Folge dieser Reform, weil viele Studiengänge in einen Bachelor und einen Masterstudiengang geteilt wurden. Allein daraus erklärt sich die Zunahme aber nicht. Denn zwischen dem Wintersemester 2015/16, als schon die meisten Studiengänge umgestellt waren, und heute sind noch einmal circa 1000 neue Fächer hinzugekommen. Für einen Studienanfänger, der nicht schon seit seiner Kindheit genau weiß, was er einmal werden will, stellt das große Angebot oft ein Problem dar. Zum einen kann man sich bei vielen Studiengängen nur schwer vorstellen, welche Inhalte sich hinter deren Namen verbergen. Zum anderen ist jungen Menschen oft nicht klar, was sie mit dem erworbenen Wissen später einmal anfangen können - und was nicht.

Für Interessenten ist häufig nicht transparent, was hinter einem Studiengang steckt

Wer zum Beispiel Cruise Tourism Management im Bachelorstudiengang an der Hochschule Bremerhaven erfolgreich studiert, wird nach drei Jahren möglicherweise leicht einen Job auf einem Kreuzfahrtschiff bekommen. Und wer in Freiburg Culinary Arts und Food Management ebenfalls für den Bachelor-Abschluss erlernt, kommt als Manager in der Spitzengastronomie später sicherlich gut an. Fraglich ist aber, ob man als Kreuzfahrtschiff-Event-Manager oder Gastronomie-Manager auch in die Leitung eines Hotels kommt. Denn dafür gibt es wieder einen eigenen Studiengang, mindestens. Man kann auch Gesundheits- und Tourismusmanagement studieren, Internationales Hotelmanagement oder auch Business Management (Studienrichtung Tourismus Hotel und Event). Als Entscheidungshilfe gibt es mittlerweile zahlreiche Websites. Man gibt seine Interessen an und erhält eine Liste mit Vorschlägen.

Die Frage ist, ob einem unschlüssigen Studienanfänger 20 Vorschläge oder mehr bei der Wahl des richtigen Studiengangs wirklich weiterhelfen. "Die Verunsicherung nimmt nicht mit der reinen Zahl der Fächer zu, sondern damit, dass die jungen Leute mit den Fächern keine klaren Perspektiven verbinden", sagt Christa Mock-Mailahn von der Zentralen Studienberatung der Universität zu Köln. Die Verunsicherung erkläre zum Beispiel auch das starke Interesse am Lehramtsstudium. "Es wird angestrebt, weil es eine klare Perspektive gibt", sagt die Beraterin. Für viele Studieninteressierte, die sich in der Studienberatung Rat holten, werde die Vielfalt des Angebots eher als undurchdringlicher Dschungel empfunden. Da helfe es auch nicht unbedingt, dass alle Hochschulen inzwischen verpflichtet sind, für jeden Studiengang ein sogenanntes Modul-Handbuch herauszugeben. Das persönliche Gespräch sei heute wichtiger denn je. Die Universität zu Köln bietet mit der höheren Anzahl der Studiengänge auch eine immer differenziertere Beratung an, nicht nur in der allgemeinen Studienberatung, sondern auch in den einzelnen Fakultäten.

Die immer spezielleren Studienangebote können auch als eine Antwort auf die Rufe aus der Wirtschaft nach einer praxistauglicheren Hochschulausbildung verstanden werden. Aus deren Sicht steht es mit der Ausbildung dort nämlich nicht zum Besten. Der Mitte vergangenen Jahres vom Stifterverband und der Unternehmensberatung McKinsey herausgegebene Hochschulbildungsreport bemängelt, dass die Studenten nicht ausreichend auf die Anforderungen der durch die Digitalisierung geprägten neuen Arbeitswelt vorbereitet werden. Schließlich verändere die Digitalisierung zunehmend auch technikferne Berufe und akademische Tätigkeiten. Der Bericht, für den 300 Unternehmen in Deutschland befragt worden waren, fordert von den Hochschulen, den Studierenden mehr Raum für individuelle Schwerpunkte zu ermöglichen. Das dürfte dann wieder zu einem noch größeren Bedarf an Beratung bei den Hochschülern führen.

"Die Wirtschaft braucht kompetente und praxisnah ausgebildete Hochschulabsolventen. Daher ist es wichtig, dass die Hochschulen vor allem bei der Ausgestaltung ihrer Bachelor-Studienangebote darauf achten, den Studierenden das erforderliche Rüstzeug für einen reibungslosen Übergang ins Arbeitsleben zu vermitteln", sagt Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Er räumt allerdings ein, dass es auch für die Unternehmen nicht immer einfach ist, angesichts der Vielzahl der Studiengänge einen Überblick zu behalten, welcher Absolvent denn nun für eine zu besetzende Position die beste Qualifikation mitbringt. Deshalb plädiert Dercks sogar dafür, zu starke Spezialisierungen zu vermeiden. Sie könnten am Ende dazu führen, dass es unter Umständen schwerer werde, Arbeitnehmer innerhalb eines Unternehmens oder in einem neuen Unternehmen einzusetzen.

Völlig neu ist die Spezialisierung von Wissen keineswegs. Auch früher konnten sich Studierende innerhalb eines Fachs in die eine oder andere Richtung bewegen. Meist machte man das im Hauptstudium, nachdem man zuvor im Grundstudium das Basiswissen seines Fachs vermittelt bekommen hatte. Analog dazu müsste man heute grundsätzlich in den Bachelor-Studiengängen breites Fachwissen vermitteln und erst in den Masterstudiengängen Raum für Spezialisierung schaffen, Cruise Tourism Management also etwa nur als Masterstudiengang anbieten.

Frank Ziegele, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), sieht denn auch schon eine Gegenbewegung zur sehr frühen Spezialisierung: "Es gibt die Tendenz, am Anfang sehr breit zu werden, beispielsweise durch eine Studieneingangsphase. Danach spezialisiert man sich dann." Mit Blick auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik ergänzt er: "Im Saarland hat man damit in den Mint-Fächern schon angefangen." In vielen Fächern lösten sich die Grenzen zwischen den Fächern aber auch teilweise auf. Ein schon klassischer Fall ist das Fach Biochemie, das sich längst neben der Biologie und der Chemie etabliert hat. "Der wissenschaftliche Fortschritt findet oft an Grenzen zwischen Fächern statt. Das schlägt sich auch auf die Studiengänge nieder", sagt Ziegele.

Manche der sehr speziellen Studiengänge verschwinden auch wieder aus den Angeboten der Hochschulen. In der Northern Business School in Hamburg kann man sich zum Beispiel inzwischen nicht mehr zum "Coffee Manager" ausbilden lassen. Die Nachfrage war zu gering.