US-Uni boykottiert Ex-Minister "Kein Forum für Guttenberg an Hochschulen"

Persona non grata in der Wissenschaft: Karl-Theodor zu Guttenberg, Ex-Verteidigungsminister und Ex-Doktor.

(Foto: dpa)

Karl-Theodor zu Guttenberg wollte am Dartmouth College über transatlantische Wirtschaftsbeziehungen und Sicherheitspolitik referieren. Doch Professoren und Studenten rebellierten gegen den Redner. Protest-Initiatorin Veronika Fuechtner über Guttenberg als Persona non grata - und warum es keine Plagiatsaffären amerikanischer Politiker gibt.

Von Johanna Bruckner

Einst war Karl-Theodor zu Guttenberg ein gern gesehener Gast. Ob bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth oder im Bundeswehrcamp in Afghanistan: Dem damaligen Verteidigungsminister und CSU-Star wurde der rote Teppich ausgerollt, und sei es nur symbolisch. Doch seit sein Doktortitel weg und der akademische Ruf dahin ist, wird Guttenberg bisweilen die öffentliche Bühne unter den Füßen weggezogen. Jüngst geschehen am Dartmouth College im US-Bundesstaat New Hampshire, wo der 41-Jährige einen Vortrag über transatlantische Wirtschaftsbeziehungen und Sicherheitspolitik halten sollte. Dort formierte sich vorab massiver Widerstand gegen den wissenschaftlich anrüchigen Referenten. Protest-Initiatorin Veronika Fuechtner, Associate Professor of German Studies, im SZ.de-Gespräch.

SZ.de: Frau Fuechtner, Ihre Unterschriften-Aktion war ja ein voller Erfolg ...

Veronika Fuechtner: Karl-Theodor zu Guttenberg hat abgesagt, ja. Wobei die Veranstaltung nicht verboten wurde, wie ich es auch schon gelesen habe. Ich vermute mal, er wollte sich einfach nicht der Diskussion stellen.

Waren die Ausrichter der geplanten Veranstaltung nicht sauer, dass Sie ihren Gast quasi wieder ausgeladen haben?

Nach der Absage Guttenbergs habe ich nichts mehr von der verantwortlichen Studierenden-Organisation gehört. Wir haben aber im Vorfeld intensiv das Gespräch mit dem International Business Council gesucht. Der hatte die Möglichkeit, Guttenberg umsonst als Redner zu bekommen - das war natürlich eine Attraktion. Der Council wusste von den Plagiatsvorwürfen, hat aber kein Problem darin gesehen: Für die stand die politische Expertise Guttenbergs bis zuletzt im Vordergrund. Wir haben es leider nicht geschafft, ihnen zu vermitteln, wie wichtig der Respekt vor den Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens ist. Und dass geistiges Eigentum in der Wissenschaft genauso wertvoll ist wie in der freien Wirtschaft. Dabei werden die Studenten regelmäßig über den sogenannten "Dartmouth Honor Code" aufgeklärt und müssen sich vor jedem Quartal verpflichten, nur eigene Arbeiten einzureichen. Vielleicht sollten wir neu darüber nachdenken, wie wir Studenten für die Problematik sensibilisieren können.

Ihre Petition wurde doch aber auch von vielen Studenten unterschrieben?

Die meisten der mehr als 100 Unterzeichner sind Kolleginnen und Kollegen, also Professoren. Aber natürlich haben sich auch Studenten unserer Sache angeschlossen. Manche sind darüber hinaus sogar selbst aktiv geworden: Eine Studentin von mir hat beispielsweise eine Facebook-Gruppe gegründet.

Amerikanern wird gerne unterstellt, ihr Wissen über Deutschland beschränke sich auf Angela Merkel und das Oktoberfest. Wie kommt es, dass der Name Guttenberg so geläufig ist?

Der hat sich rumgesprochen. Alle Wissenschaftler, die in irgendeiner Weise mit Deutschland befasst sind - seien es Germanisten oder Historiker -, haben die Plagiatsaffäre sehr genau verfolgt. Und natürlich Kollegen anderer Fakultäten davon erzählt. Dazu kommt, dass wir immer Studenten haben, die in Berlin zum Austausch sind.

Haben die Plagiatsaffären dem Ansehen der deutschen Wissenschaft im Ausland geschadet?

Das glaube ich nicht. Es wird zwischen einzelnen Personen und der Wissenschaft im Ganzen unterschieden. Außerdem beziehen sich die Plagiatsaffären auf ein ganz bestimmtes Genre von Doktorarbeiten: die Promotionen von Politikern. In Deutschland ist eine politische Laufbahn eng an akademische Titel geknüpft. Für mich stellt sich aber die Frage, warum es eine nötige Qualifikation von Politikern sein sollte, auf diesem Niveau wissenschaftlich zu arbeiten? Die Dissertation wird so zum Prestigeobjekt, zur Pflichtkür. Das widerspricht dem Geist des wissenschaftlichen Arbeitens.

Gab es auch in den USA schon Plagiatsskandale von Politikern?

Mir wäre keiner bekannt. In den USA ist es eher nachteilig für eine politische Karriere, wissenschaftlich zu arbeiten. Die Menschen haben eine ganz andere Beziehung zu Bildung, insbesondere Hochschulbildung. In der breiten Bevölkerung gibt es eine gewisse Skepsis gegenüber den Universitäten in ihrem angeblichen Elfenbeinturm. Volksnähe ist hier die entscheidende Qualifikation für ein politisches Amt.

Was würden Sie Karl-Theodor zu Guttenberg empfehlen, damit er wieder ein gern gesehener Gast auf wissenschaftlichen Podien ist: einen Auftritt bei Oprah, in dem er wie Lance Armstrong öffentlich Buße tut?

Es ist nicht an mir, von ihm irgendetwas einzufordern. Ich würde mir aber eine öffentliche Erklärung wünschen, in der er eingesteht, absichtlich abgeschrieben zu haben und für seine Handlungen einsteht. Mich ärgert, dass er den Vorsatz nie zugegeben hat - der ja wirklich schwer abzustreiten ist beim Ausmaß des Plagiats. Solange er nicht zumindest das tut, sollte er nicht erwarten, dass Hochschulen ihm als Forum dienen. Lance Armstrong würde auch niemand für einen Vortrag an einer Sport-Akademie einladen.

Welche deutsche Persönlichkeit würden Sie gerne zu einem Vortrag begrüßen?

Wir hatten durchaus schon prominente Gastredner aus Deutschland, mit denen ich wunderbar leben konnte. Leute, die die Grundlagen einer Universität anerkennen. Christa Wolf war beispielsweise zu Lebzeiten hier. Und Joschka Fischer hat vor ein paar Jahren einen Vortrag bei uns gehalten.