Unterschiede beim Lernen Wieso Jungen schlechtere Noten bekommen

In der Schule bekommen Jungen schlechtere Noten als Mädchen. Das liegt jedoch nicht daran, dass sie geringere kognitive Fähigkeiten haben.

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Ähnliche Fähigkeiten, unterschiedliche Ergebnisse: In Tests amerikanischer Wissenschaftler haben Kinder und Jugendliche beider Geschlechter vergleichbare kognitive Leistungen gezeigt. Die Mädchen hatten jedoch die besseren Schulnoten.

Von Christian Weber

Es ist eine ewige Diskussion: In fast allen Ländern der westlichen Welt erzielen Jungen von der Grundschule an in allen wichtigen Fächern - auch in Mathematik und Naturwissenschaften - im Durchschnitt schlechtere Noten als Mädchen. Wer also ist schuld?

Eine weiblich dominierte Pädagogik, die vor allem in den ersten Kindergarten- und Schuljahren nicht auf die Bedürfnisse der Jungen eingeht? So lautet eine populäre Spekulation. Oder sind die Jungen selbst schuld, die aus Gründen, die zu finden wären, zu wenig Leistung im Klassenzimmer bringen? Eine neue amerikanische Studie stützt die letztere Annahme.

Die Bildungsökonomen Christopher Cornwell und David Mustard von der University of Georgia sowie Jessica Van Pary von der Columbia University analysierten für ihre im Fachblatt Journal of Human Resources (online) publizierte Studie die Daten von 5800 Kindern und Jugendlichen aus den ganzen USA, vom Kindergarten an bis zur fünften Klasse. Diese waren in standardisierten Tests auf ihre prinzipiellen Fähigkeiten beim Lesen, in Mathematik und Naturwissenschaften geprüft worden. Dabei zeigten sich relativ wenige Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Mädchen schnitten zwar durchweg besser beim Lesen ab, aber in den anderen Fächern waren die Jungen mindestens genauso gut.

Benachteiligung der Jungen?

Etwas überrascht waren die Forscher jedoch, als sie diese Ergebnisse mit den realen Schulnoten verglichen: Die Jungen erzielten im Durchschnitt durchweg schlechtere Noten als die Tests erwarten ließen. Das galt selbst für diejenigen, die bei den unabhängigen Tests im Lesen genauso gut abgeschlossen hatten wie die Mädchen. Zeigt sich hier etwa eine Benachteiligung der Jungen?

Wahrscheinlich eher nicht. "Das sind keine spezifischen Tests, auf die man lernen kann wie eine Schulaufgabe", sagt der Bildungsforscher Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Es geht dort mehr um die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeiten; und dass sich in diesen die Geschlechter nicht groß unterscheiden, war zu erwarten. In den Schulen aber werden auch andere Dinge geprüft.

"Am wichtigsten für die Notenvergabe durch die Lehrer ist die Einstellung der Schüler zum Lernen", sagt auch Studienautor Cornwell. Es gehe um Fertigkeiten wie "die Konzentration des Kindes, das Durchhaltevermögen, die Lernbereitschaft, Selbständigkeit, Flexibilität und das Organisationsvermögen". Aber genau an diesen Fähigkeiten mangelt es den Jungen, wie eine weitere Befragung der Lehrer der getesteten Schüler ergab. Das Missverhältnis zwischen Testergebnissen und Schulnoten beruhe auf derartigen "nicht-kognitiven Fertigkeiten", schreiben die Autoren.

"Das bestätigt frühere Ergebnisse", kommentiert Marcel Helbig. "Viele Studien zeigen, dass Jungen eine geringere Leistungsbereitschaft aufweisen als Mädchen." Die eigentlich interessanten Forschungsfragen seien, wieso das so ist und was man dagegen tun könne.

Als "weitgehend widerlegt" bewertet Helbig die These, wonach eine Feminisierung der Schulen durch die wachsende Anzahl von weiblichen Lehrkräften den Jungen schadete. 2010 etwa veröffentlichte Helbig gemeinsam mit Kollegen eine Studie, die anhand von IGLU-Daten zeigte, dass "weder Jungen noch Mädchen bei Kompetenzentwicklung oder Noten in Mathematik, Deutsch oder Sachkunde von einem Lehrer gleichen Geschlechts profitierten". Gegen diese Annahme spreche außerdem, dass Jungen bereits seit mehr als hundert Jahren schlechtere Noten als Mädchen bekommen, also auch zu Zeiten, in denen die Pädagogik noch von Männern dominiert war.

Das eigentliche Problem sei die "Selbstüberschätzung der Jungen", die glaubten, sie müssten sich nicht anstrengen, um Erfolge zu haben, sagt Helbig. Schließlich sehen sie, dass die meisten Spitzenpositionen in der Gesellschaft auch so von Männern besetzt sind. "Dies führt zu der Fehlannahme, dass die Männer von Geburt an das kompetentere Geschlecht seien." Hinzu komme der schädliche Einfluss der männlichen Peer-Group: "Fleiß gilt als uncool", Mädchen hingegen hätten keine sozialen Nachteile, wenn sie fleißig sind.