Unterrichtszeiten Erste Stunde Mathe? Nein, Ausschlafen!

Kommen und Gehen nach Gutdünken? Schüler am Gymnasium Alsdorf in Nordrhein-Westfalen.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Das Dalton-Gymnasium im nordrhein-westfälischen Alsdorf erregt mit einer Gleitzeit für Schüler Aufsehen. Besuch in einer besonderen Schule.

Reportage von Sophie Burfeind

Als es morgens um acht zur ersten Stunde läutet, kommt alles so, wie man es sich gedacht hat. Mit Schulranzen auf dem Rücken und Hefter unterm Arm laufen die Kinder in die Klassenzimmer, die Letzten sprinten, weil sie spät dran sind. Dann schließen sich die Türen, auf den Fluren ist es wieder still. Auf die älteren Schüler wartet man im Gymnasium Alsdorf bei Aachen vergeblich, es macht sich aber auch keiner Sorgen, dass sie nicht da sind. Es wissen ja alle, wo die Oberstufenschüler um diese Zeit noch stecken: unter der Bettdecke.

Es war eine Meldung, über die vergangene Woche bundesweit diskutiert wurde: Das Dalton-Gymnasium in Alsdorf hat als erste Schule in Deutschland eine Art Gleitzeit für Oberstufenschüler eingeführt. Wer will, kann ein bisschen länger schlafen und erst zur zweiten Stunde kommen - das soll dem Biorhythmus der Schüler entgegenkommen. Die erste Stunde Mathe gegen eine weitere Stunde im Bett tauschen, dagegen haben natürlich die wenigsten Schüler etwas. Weil Schule mit Ausschlafen aber doch ein bisschen zu schön klingt, fragt man sich: Funktioniert das wirklich?

Es wird nach dem sogenannten Dalton-Plan unterrichtet

Das Besondere an dem Gleitzeitmodell ist ja, dass die Schüler nicht einfach nur später kommen und länger bleiben - der Unterricht endet weiterhin um 15.15 Uhr. Verbringt man einen Tag im Gymnasium in Alsdorf, wird einem klar, dass dieses Modell sehr gut funktioniert - aber wohl nur an dieser Schule und nur, weil es sich um keine gewöhnliche deutsche Schule handelt. Denn an dem nordrhein-westfälischen Gymnasium wird nach dem sogenannten Dalton-Plan unterrichtet.

Die amerikanische Reformpädagogin Helen Parkhurst entwickelte dieses Konzept Anfang des 20. Jahrhunderts, mit dem Ziel, dass Schüler individueller und selbständiger lernen als an herkömmlichen Schulen. In Europa gibt es seither viele Dalton-Schulen, das Gymnasium in Alsdorf war die erste deutsche Schule, die 2005 auf das Konzept umstellte. Mittlerweile gibt es hierzulande gut zehn Dalton-Schulen. Der größte Unterschied zu einem gewöhnlichen Gymnasium ist, dass Schüler weniger klassischen Unterricht haben. Von 34 Unterrichtsstunden entfallen nur insgesamt 24 auf regulären Unterricht, die restlichen zehn Stunden sind Selbsttätigkeitsstunden.

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In Alsdorf beginnt jetzt jeder Schultag mit einer solchen Dalton-Stunde, damit das mit der Gleitzeit funktioniert. Die Schüler suchen sich aus, bei welchem Lehrer sie ihre Aufgaben erledigen wollen. Weil viele den Bio-Lehrer Martin Wüller mögen, ist es in seinem Raum immer sehr voll und nicht gerade leise. Die Schüler sitzen an runden Tischen, einige machen Kunst oder Deutsch, andere Physik. Die meisten erledigen ihre Aufgaben in der Gruppe.

"Man lernt, selbständig zu arbeiten und sich zu organisieren"

Ilyas, Marlon und Jonas aus der 7. Klasse sitzen zum Beispiel vor Mathe. "Ich finde es gut, dass man hier den Lehrer oder einen Mitschüler fragen kann, wenn man etwas nicht verstanden hat", sagt Jonas. Marlon meint: "Man lernt, selbständig zu arbeiten und sich zu organisieren, deswegen sind Dalton-Stunden gut." Eine Zehntklässlerin vom Nachbartisch betont, sie finde es gut, morgens in ihrem eigenen Tempo arbeiten zu können - und selbst zu entscheiden, mit welchen Fach sie anfängt. Manche finden es auch gut, nur dazusitzen und mit dem Handy zu spielen.

Die Lehrer tolerieren das, denn in Alsdorf sind die Schüler selbst dafür verantwortlich, dass sie den Stoff bis zur Klausur beherrschen. Die Jugendlichen erhalten von den Lehrern jedes Fachbereichs alle fünf Wochen einen Lernplan, in dem steht, welche Inhalte sie sich pro Woche erarbeiten müssen und welche Aufgaben sie zu erledigen haben. Diese werden dann wie Hausaufgaben im Unterricht besprochen. In den Dalton-Stunden gibt es wie im Unterricht eine Anwesenheitspflicht.

Nur eben für die Oberstufenschüler nicht: Die dürfen die erste Dalton-Stunde ausfallen lassen und sie in einer Freistunde nachholen, die sie wie alle Oberstufenschüler haben. Das geht, weil nun in jeder Schulstunde zusätzlich zwei Lehrer für eine Dalton-Stunde zur Verfügung stehen. "Wir brauchen dafür nicht mehr Lehrer", sagt Schulleiter Wilfried Bock. Dass die Schüler in Alsdorf sich auch wirklich aufraffen, um ihre Aufgaben in einer Freistunde zu erledigen statt Kaffee zu trinken oder Karten zu spielen, funktioniere nur, weil sie seit vielen Jahren an das selbständige Lernen gewöhnt seien, sagt Bock. "Ohne eine Sozialisierung in diesem System geht das nicht." Er glaubt, dass das auch die beste Vorbereitung auf ein Studium sei.