Unis in den neuen Bundesländern Abbau Ost

Demonstration von Studenten der Uni Halle

(Foto: dpa)

Professoren und Studenten in den neuen Bundesländern sind sich einig: Die dortigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen trocknen finanziell aus. Steht ein Niedergang der ostdeutschen Hochschulen bevor?

Von Roland Preuß

Armin Willingmann findet das Verhalten der Landesregierung inzwischen nur noch "skurril". Sie betreibe ein "borniertes Einsparen - das belastet die Wissenschaft hier schwer", sagt der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz in Sachsen-Anhalt und Chef der Hochschule Harz. Willingmann ist eine gewichtige Stimme, aber nur eine von vielen, die sich derzeit für die Wissenschaft in Ostdeutschland erheben. Professoren und Studenten sind sich einig: Hochschulen und Forschungseinrichtungen trocknen finanziell aus.

Sechs große Institute, darunter das Fraunhofer-Institut, greifen offen Landesfinanzminister Jens Bullerjahn (SPD) an, die Vorgaben der Regierung werden "den Standort langfristig schädigen", schreiben sie in einer gemeinsamen Erklärung. Vergangene Woche protestierten 7000 Studenten in Halle.

Aber auch in weiteren neuen Ländern erhebt sich Protest: "Das kann so nicht weitergehen", schimpft der Rektor der Universität Rostock, Wolfgang Schareck, über die Ausstattung durch die Regierung in Mecklenburg-Vorpommern. Und auch in Brandenburg fordern Städte und Hochschulen den Landtag auf, endlich mehr Geld bereitzustellen.

Steht ein Niedergang der ostdeutschen Hochschulen bevor? Oder ist das alles Lobbyistengetöse?

Harsches Sparprogramm

Bildung hat Vorrang, so ist es stets in Politikerreden zu hören, auch in Ostdeutschland. Bessere Bildung gilt gemeinhin als Schlüssel - für Wirtschaftswachstum, soziale Gleichheit, Integration von Migranten. Doch gleichzeitig müssen gerade die ostdeutschen Länder mit immer weniger Geld auskommen. Die finanzielle Förderung aus dem Westen schmilzt zusammen, Menschen und damit Steuerzahler wandern zunehmend ab, zudem greift die Schuldenbremse: Spätestens vom Jahr 2020 an dürfen die Länder unterm Strich keine neuen Kredite mehr aufnehmen.

Das ist der Hintergrund für die Finanznöte der Wissenschaft, auf die Hochschulen kommt ein harsches Sparprogramm zu: In Sachsen-Anhalt sollen sie von 2015 an jedes Jahr fünf Millionen Euro einsparen, zehn Jahre lang. 2025 sollen sie mit jährlich 50 Millionen weniger auskommen.

Doch wo soll das Geld herkommen? 80 bis 90 Prozent ihres Etats geben die Hochschulen laut Willingmann für ihre Mitarbeiter aus; genau dort wird man nun sparen müssen. "Am stärksten gefährdet sind alle mit befristeten Verträgen; aber auch Stellen von Professoren, die in den Ruhestand gehen", sagt Sachsen-Anhalts Rektorenoberhaupt. Welcher Lehrstuhl wegfällt, hängt davon ab, wie alt der jeweilige Professor ist - ein Umbau nach dem Zufallsprinzip.

"Das Problem löst sich nicht durch Proteste"

Dabei ist eine durchdachte Reform durchaus greifbar: Im Juli legt der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen für die Reform der Hochschulen in Sachsen-Anhalt vor. Doch so ein Umbau würde Zeit brauchen. Bei einem Treffen der Hochschulchefs mit dem neuen Wissenschaftsminister Hartmut Möllring (CDU), dessen Vorgängerin im Streit über das Sparen entlassen wurde, einigte man sich, den Bericht abzuwarten. Doch dies ist ein Scheinkompromiss: Die Sparauflagen bleiben bestehen. "Wir haben dann zwar die Empfehlungen für den Umbau, aber nicht die Zeit, ihn umzusetzen", sagt Willingmann.

Wer das zuständige Wissenschaftsministerium in Magdeburg darauf anspricht, wird rasch auf das Finanzministerium verwiesen. Dort werden die Vorgaben gemacht: Das Land hat bis 2020 wohl zwei Milliarden Euro einzusparen, da müsse sich die Wissenschaft schon beteiligen, sagt ein Sprecher: "Das Problem löst sich nicht durch Proteste." Die Wissenschaftler "sperren sich ja nicht gegen Einsparungen", entgegnet Willingmann. Aber für den womöglich dramatischsten Umbau der Hochschulen seit der Wende brauche es eben ein paar Jahre mehr.

Die Lage der mecklenburgischen Hochschulen wirkt da noch komfortabel: Sie müssen mit einem jährlichen Zuwachs von nur 1,5 Prozent auskommen. Das aber sei zu wenig, sagt der Rostocker Rektor Schareck. Die Energiepreise, die Löhne, alles steige schneller als die staatliche Unterstützung. Allein die Uni Rostock fordert für kommendes Jahr 8,5 Millionen Euro mehr Zuwendungen.

Die Kritik trifft Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) offenbar unvorbereitet. Man sei noch dabei, die Finanzdaten genau zu prüfen, heißt es aus seinem Haus. "Wir nehmen die Sorgen der Hochschulen ernst." Eine schnelle Lösung ist nicht absehbar, entschieden werden soll vor der Sommerpause.