Uni unterm Hakenkreuz Braune Brutstätten

Hunderte Handabdrücke verglich der Tübinger Anthropologe Hans Fleischhacker in seiner Habilitationsschrift von 1943 - er wollte Rassenunterschiede aufzeigen.

(Foto: Universität Tübingen/oh)

Mit großem Engagement packen viele Universitäten die Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit an, auch aus Sorge um die heutige Gesellschaft. Dennoch: Es bleibt viel zu tun.

Von Ralf Steinbacher

In die faustgroßen Bruchstücke aus Marmor sind Buchstaben eingelassen, manchmal lassen sich noch Worte erkennen: Willkür, Menschen, Mahnung. Es sind ungewöhnliche Exponate, die das Museum der Universität Tübingen zeigt. Und doch passen sie ins Bild einer Ausstellung über die Geschichte der Hochschule im Nationalsozialismus. Die Bruchstücke sind Teile einer Gedenktafel, die 1990 am sogenannten Gräberfeld X des anatomischen Instituts an die Opfer der NS-Herrschaft erinnerte. Eine Woche, nachdem sie aufgestellt worden war, beschmierten Neonazis die Gedenkstätte, zerschlugen die Tafel. Eine Tat, die Museumsdirektor Ernst Seidl in seiner Auffassung bestärkt: "Geschichtsaufklärung ist andauernd notwendig."

Viele Hochschulen haben in den vergangenen Jahren mit Ausstellungen ein breites Publikum für die dunklen Kapitel ihrer Geschichte interessiert. In Tübingen beleuchtet nun erstmals in Deutschland eine Schau die NS-Geschichte einer gesamten Universität - und zeigt exemplarisch, warum es dem NS-Staat so schnell gelang, die Hochschulen unter ihre Kontrolle zu bringen, für die Nazis "Brutstätten des eigenständigen Denkens", wie Seidl sagt. Er will das Thema im positiven Sinn "popularisieren". Universitäten hätten die Pflicht, die Öffentlichkeit immer wieder aufzuklären, "denn wenn wir nach Europa schauen, sehen wir überall chauvinistische Bewegungen mit faschistoiden Einsprengseln im Aufwind. In Deutschland gibt es Verbrechen von Neonazis. Gruppen wie Pegida treten offen für eine Ausgrenzung ein."

Tübingen war, was Aufarbeitung anbelangt, schon immer Vorreiter. "Die erste gründliche Monografie über eine Uni im Nationalsozialismus erschien 1977 und befasste sich mit der Universität Tübingen", sagt der Historiker Michael Grüttner, Professor an der TU Berlin, der die Geschichte deutscher Unis im Dritten Reich erforscht. Jahrzehntelang schwieg man das Thema tot, man schämte sich, "Professoren fühlten sich auch ihren eigenen Lehrern verpflichtet und waren schon deshalb nicht an einer gründlichen Analyse interessiert", sagt Grüttner. Verstärkt habe die Aufarbeitung erst in den Neunzigern begonnen. Heute gebe es viele umfangreiche Untersuchungen, etwa über die Unis Göttingen, Hamburg, Münster, Leipzig oder Jena. Von den früheren Technischen Hochschulen seien insbesondere Braunschweig, Aachen und Berlin, neuerdings auch Darmstadt, durch gute Arbeiten erforscht worden.

Dem dunklen Kapitel werden oft Ausstellungen gewidmet - laut Experten sind sie unvollständig

Doch es bleibt viel zu tun, gebe es doch auch Unis, die bisher wenig gemacht hätten. Wolfgang Benz, Historiker und früherer Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, hat das im Tagespiegel 2013 so formuliert: "Die Geschichte der Hochschulen im Dritten Reich, auch die ihrer Restauration in den Nachkriegsjahren, ist noch kaum erforscht." Vor allem: das Thema Zwangsarbeit. Das bestätigt auch Grüttner: Das Thema werde erst seit Kurzem untersucht, "lange Zeit war niemandem bewusst, dass auch Universitäten Zwangsarbeiter beschäftigt haben."

In Tübingen wurden Zwangsarbeiter vor allem als Hausgehilfinnen in den Kliniken eingesetzt. Und auch in den Leichenbüchern des Anatomischen Instituts tauchen Namen von Zwangsarbeitern auf, ebenso wie die von KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen. Manche waren erhängt worden, manche an Lungen-TBC gestorben, häufig steht als Todesursache einfach: unbekannt. "Nicht alle wurden ermordet, aber alle waren doch Opfer des Regimes", sagt Museumsdirektor Seidl, "und die Uni war Nutznießer." Rund 1000 Leichen und Präparate aus der anatomischen Lehre waren zwischen 1933 und 1945 auf dem Gräberfeld X am Stadtfriedhof beerdigt worden.

Nicht alle Forscher im NS-Staat waren Nazis, aber viele arrangierten sich nach der Machtergreifung schnell mit dem neuen System und profitierten davon. Vor 1933 waren die meisten Professoren nicht in der NSDAP, sagt Grüttner, allerdings waren sie von der Weimarer Republik enttäuscht, häufig antisemitisch. Dann übertrug der NS-Staat von 1933 an das Führerprinzip des Staates auf die Unis: Linientreue Rektoren wurden ernannt, Senat und Fakultäten hatten nichts mehr zu sagen. Allgemein änderte sich in der Folge auch die Einstellung der Professoren zur NSDAP, so Grüttner: "Vor allem junge Dozenten schlossen sich jetzt der Partei an, dabei spielten auch Karrieregründe eine Rolle." Mehr als die Hälfte der Professoren waren noch 1932 nicht verbeamtet gewesen, sie verdienten schlecht und hatten kaum Aussichten. Doch unter der NS-Herrschaft wurden jüdische oder politisch unliebsame Hochschullehrer entlassen, Lehrstühle wurden frei, und die "verlorene Generation" nutzte die Chance. "Schon aus diesem Grund gab es keine geschlossene Abwehrreaktion der Universitäten gegen diese Massenentlassungen."

Besonders hart traf die Entlassungswelle die Goethe-Universität Frankfurt. Sie galt als linksorientiert und jüdisch - innerhalb kurzer Zeit mussten mehr als 30 Prozent der Professoren die Universität verlassen. Nach dem Krieg setzte in Frankfurt ein ehemaliger Tübinger Forscher seine Karriere fort: Hans Fleischhacker, ein Anthropologe, der sich für Handlinien interessierte, für Formen, Köpfe, Nasen. 1943, während seiner Tübinger Zeit, selektierte er im KZ Auschwitz Häftlinge, nachdem er sie genau vermessen hatte. Obwohl zeitweise nach dem Krieg interniert, durfte er, so wie andere belastete Forscher, bald wieder arbeiten. Man brauchte die Leute, ohne sie hätten die Unis zusperren können. Erst 1970 wurde ihm der Prozess gemacht, doch man konnte ihm nicht nachweisen, dass er gewusst hatte, welche Folgen seine Messungen gehabt hatten. 1977 wurde er emeritiert. Heute fühlt sich die Frankfurter Uni nach der Übernahme des IG-Farben-Hauses besonders dafür verantwortlich, die Vergangenheit des einstmals größten Chemiekonzerns der Welt aufzuarbeiten, der zwischen 1933 und 1945 tief in das NS-System verstrickt war. Schon 2003 wurde eine Dauerausstellung eingerichtet.

Noch früher als in Frankfurt oder anderswo dirigierten die Nazis in Thüringen die Unis. Thüringen war das "Musterland" für die Nationalsozialisten, sagt Uwe Hoßfeld, der an der Uni Jena über deren NS-Geschichte forscht. In Thüringen wurde der erste NSDAP-Minister Deutschlands gewählt, 1930. Wilhelm Frick, Staatsminister für Inneres und Volksbildung, beeinflusste schnell die Uni. Und heute? Aus Jena stammt die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund. Am 1. Mai überfiel eine Horde Neonazis eine DGB-Kundgebung mit dem SPD-Bundestagabgeordnete Carsten Schneider in Weimar. Schneider sagte hinterher, er fühle sich an die 1930er-Jahre erinnert, in denen die SA Plätze stürmte. Wissenschaftshistoriker Hoßfeld sagt: "Solchen Herausforderungen kann man sich besser stellen, wenn man weiß, dass Thüringen eine lange Geschichte des Rassismus hat."

Die Ausstellung "Forschung - Lehre - Unrecht" im Rittersaal von Schloss Hohentübingen (noch bis 13. September) zeigt, wie sich die Naturwissenschaften neu ausrichteten, mit Rassenforschungen, aber auch mit kriegswichtigen Experimenten. So sollten etwa Sojapflanzen an das hiesige Klima angepasst werden, weil man der Bohne ein großes Potenzial für die Volksernährung zuschrieb.