Türkei "Wer nicht ultrarechts denkt, tut eben so"

Sakine Esen Yilmaz, 40, ist Generalsekretärin der türkischen Bildungsgewerkschaft Eğitim Sen und seit kurzem auch Mitglied der GEW.

(Foto: Dirk Hoppe/Netzhaut)

In türkischen Schulen und Universitäten herrscht weiterhin Angst vor Entlassungen. Eine Gewerkschafterin berichtet.

Interview von Susanne Klein

Kurdin, Alevitin, Lehrerin und Frauensekretärin einer linken Bildungsgewerkschaft - mit diesen Merkmalen hatte Sakine Esen Yilmaz in der Türkei ein schweres Leben. Sie wurde mehrmals festgenommen, saß 15 Monate in Untersuchungshaft und erhielt ein Ausreiseverbot. Insgesamt 22 Jahre Gefängnis drohen ihr in den Verfahren, die gegen sie laufen. Ihr Verbrechen: Sie hat sich in der Türkei für ein modernes, demokratisches Bildungssystem eingesetzt. Seit ihrer Flucht nach Deutschland im vergangenen September informiert sie über die Situation von Kollegen und wird dabei von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft unterstützt.

SZ: Frau Yilmaz, wie geht es Ihnen?

Sakine Esen Yilmaz: Mir geht es sehr gut, weil mein Asylantrag gerade anerkannt worden ist. Vor ein paar Wochen habe ich mich noch gefühlt wie jemand, der ins Meer geworfen wurde und schwimmt und schwimmt, bis hoffentlich irgendwo Land kommt. Ich lerne viel Deutsch, weil ich weiter für die Freiheit kämpfen will, da kann ich keine Sprachbarriere gebrauchen. Aber jeden Morgen gucke ich als Erstes bei Twitter, was in der Türkei passiert ist.

Was verfolgen Sie dort aktuell?

Den Hungerstreik des Grundschullehrers Semih Ozakca und der Hochschullehrerin Nuriye Gülmen in Ankara. Sie protestieren so seit 70 Tagen gegen die politischen Säuberungen und Massenentlassungen. Das Aufsehen ist groß, es gibt viele Solidaritätsaktionen. Trotzdem schrumpfen meine Hoffnungen für die Türkei von Tag zu Tag.

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Weil die Säuberungen weitergehen?

Ja. Letzten Freitag, am 19. Mai, sind drei Journalisten der kemalistisch-nationalistischen Zeitung Sözcü verhaftet worden. Das Blatt hat die Repression gegen andere Medien ignoriert, trotzdem ist es jetzt auch dran. Das Regime unterstellt Kontakte zur Gülen-Bewegung. Der 19. Mai ist kein Zufall, er ist ein Nationalfeiertag, der Beginn des sogenannten Befreiungskriegs unter Mustafa Kemal Atatürk. Das unterstreicht, dass die AKP nun auch gegen säkulare Nationalisten vorgeht. Sie will nach und nach alle Gegner ausschalten, um ihre faschistisch-islamischen Ziele durchzusetzen.

Wie steht es um die Lehrer in der Türkei?

Ich habe gerade erfahren, dass eine große Zwangsversetzungswelle gegen aktive Mitglieder meiner Gewerkschaft Eğitim Sen geplant ist. Die Lehrer sollen in andere Städte versetzt werden, nicht ein paar Kilometer weiter, sondern 1500 Kilometer weiter in fundamentalistisch-religiöse Kommunen. Es wird berichtet, dass das 4500 bis 5000 Lehrer betreffen soll.

Wie viele Akademiker sind seit dem Putschversuch entlassen worden?

Von den 800 000 Lehrern in der Türkei sind 35 000 entlassen worden, weiteren 30 000 hat man das Lehrerdiplom aberkannt. Ungefähr 6000 Lehrer durften auf ihre Stellen zurückkehren. 15 Universitäten wurden geschlossen, 5000 Hochschulmitarbeiter haben ihre Arbeit verloren.

Welche Probleme haben die Entlassungen an den Schulen verursacht?

Es gab schon immer Probleme an den Schulen. Der islamische Religionsunterricht war auch für andersgläubige Schüler verpflichtend, muttersprachlicher Unterricht fand nicht statt. Die AKP hat in ihrer Amtszeit seit 2002 versucht, in allen Schulbehörden an Macht zu gewinnen. Dennoch konnten wir Gewerkschafter unsere Themen in den Schulen diskutieren und Proteste organisieren. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Die Kinder werden jetzt in einer geraden Linie islamischen Denkens unterrichtet. Normal wäre, sie zu eigenständiger Beteiligung und kritischen Fragen zu erziehen.