Tricks der Berliner Bildungsbürger Apartheid an Grundschulen?

Mit Tricks versuchen die Berliner Bildungsbürger, ihre Kinder nicht in Schulen zu schicken, in denen die Migrantenrate hoch ist (Symbolbild).

(Foto: ddp)

In die eine Schule geht nur ein einziges Kind mit deutschen Eltern, in die andere fast nur Akademikerkinder: An Berliner Schulen kommt es vermehrt zu Segregation, weil Eltern für ihre Kinder mit allen Tricks das Beste wollen. Ein Besuch.

Von Constanze von Bullion

Isch werd' Ingenieur, verkündet Murat, bevor er das Gummiband um die Vorderachse wickelt, die Räder überprüft, am Gummi zieht, wie die Lehrerin es erklärt hat, damit sein selbstgebastelter Wagen nach vorn flitzt über den Schulflur. Er flitzt aber nicht, er macht erst mal nur einen Satz und rollt rückwärts.

So ähnlich ist es auch mit den Schulen und der Integration.

Jens-Nydahl-Grundschule in Kreuzberg an einem Nachmittag im Dezember, die 6b hat "Nawi", Naturwissenschaften. 23 Kinder mit fünf Muttersprachen haben die Schutzbrillen aufgesetzt, jetzt sind sie auf dem Schulboden unterwegs, um 23 selbstgebaute Fahrzeuge in Bewegung zu setzen, per Gummizug. Frau Balzer, die Lehrerin, hat die Kinder eben erklären lassen, was die Zugkraft von der Gewichtskraft unterscheidet, und was dieser Herr Newton eigentlich erforschen wollte.

"Also, wie es schwer ist. Also. Da fällt es schneller nach unten", hat Ajub geantwortet, der im echten Leben anders heißt, wie alle Kinder in dieser Geschichte. "Ich habe das Pfeil nach unten gezeichnet", sagt Hüseyin, bevor Jila ihn korrigiert: "Den Pfeil gezeichnet." Und Jessica, die als Einzige in der Klasse eine Mutter deutscher Muttersprache hat, sagt: "Die Schwerkraft kommt von der Erdumdrehung."

So läuft das in der 6b, und es könnte schlechter laufen, sagt Frau Balzer, die eine Lehrerin von der engagierten Sorte ist, wenn auch eher streng, was Lärm angeht. Es wird also nur getuschelt hier, und am Ende, als Murats Versuch mit dem selbstgebauten Wagen endlich funktioniert und er nach vorn schießt, sagt Frau Balzer: "Das Stundenziel ist natürlich nicht erreicht. Aber wenn man weiß, wie schwer manche Kinder es zu Hause haben, ist es schon toll, dass sie überhaupt noch was leisten."

Die Jens-Nydahl-Grundschule, das ist ein Ort, an dem man den Verhältnissen das Beste abzugewinnen sucht. Weil sie nur schwer zu ändern sind. Die Schule steht zwischen ärmlichen Hochhausblocks am Kottbusser Tor und hübschen Altbauten am Landwehrkanal. Es gab hier mal 600 Kinder verschiedener Schichten, jetzt sind es noch 310, ein einziges hat Eltern, die beide deutsche Muttersprachler sind. Mehr als 90 Prozent der Schuleltern haben keine Arbeit, und Bildungsbürger, ob deutsche oder zugewanderte, sehen zu, dass sie ihre Kinder anderswo anmelden heimlich. Damit sie hier nicht eingeschult werden, obwohl ihnen die Schule als nächstgelegene zugeteilt wurde.

"Segregation" heißt dieses Phänomen, und es breitet sich aus. Nach einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration driften die Schülerschaften in Großstädten auseinander. In Berlin gehen fast zwei Drittel aller Migrantenkinder auf Grundschulen, in denen Zugewanderte in der Mehrheit sind. In der Jens-Nydahl-Schule ist die Migrantenquote fast doppelt so hoch wie im Wohnumfeld. Während es ein paar Straßen weiter Schulklassen gibt, in denen kaum Zuwandererkinder sitzen.

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Nein, sagt Claudia Deutscher, gerecht ist das nicht und der Integration nicht förderlich. Deutscher leitet seit 2009 die Jens-Nydahl-Grundschule und ist eine selten ehrliche Person, die nicht leugnet, dass auch sie ihren Sohn nicht auf diese Schule schicken würde. "Ich hätte Angst, dass er ausgegrenzt wird", sagt sie. "Auch wegen seines sprachlichen Niveaus." So geht es fast allen deutschen Eltern, die diese Schule umschiffen. Nur dass es halt kaum einer laut sagen mag.