Täuschung bei der Doktorarbeit? Schavan will Plagiatsvorwürfe klären

Hat die Bundesbildungsministerin bei ihrer Dissertation nicht korrekt gearbeitet? Ein anonymer Blogger wirft Annette Schavan vor, unsauber zitiert zu haben. Die Ministerin beteuert, "sehr genau gearbeitet" zu haben - und will die Vorwürfe aufklären.

Von Roland Preuß und Tanjev Schultz

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) muss sich gegen den Vorwurf verteidigen, ihre Doktorarbeit enthalte Plagiate. Ein anonymer Autor veröffentlichte am Mittwoch im Internet eine "Dokumentation mutmaßlicher Plagiate" in Schavans Dissertation aus dem Jahr 1980.

Darin stellt er auf fast 40 Seiten Abschnitte aus der Dissertation anderen Quellen gegenüber, aus denen Schavan wissenschaftlich unsauber Textstellen übernommen haben soll. Sollten sich die Vorwürfe als richtig herausstellen, könnte ihre Hochschule einen Verstoß gegen Grundregeln des wissenschaftlichen Arbeitens feststellen und den Doktortitel aberkennen. Schavan wies die Vorwürfe zurück. "Ich habe mein Thema damals sehr genau bearbeitet", sagte Schavan der Süddeutschen Zeitung. Sie habe ihre Doktorarbeit "nach bestem Wissen und Gewissen" geschrieben.

Der Dokumentation zufolge soll Schavan an mehreren Stellen Sätze oder Absätze zum Teil samt Fußnoten übernommen haben. Dabei soll sie den Urheber nicht oder nur unzureichend genannt haben. Auf Seite 312 ihrer Arbeit soll sich beispielsweise eine Seite aus einem Aufsatz des Autors Lutz Hupperschwiller samt acht Literaturnachweisen finden lassen. Der Plagiatsexperte und Münchner Jura-Professor Volker Rieble sagte der SZ: "Sollten die Belegstellen stimmen, so würde ich dies als Plagiat ansehen." Die Übernahmen ließen sich nicht als "Graubereich" des gerade noch zulässigen Zitierens einordnen, "dafür gibt es zu viele Wortidentitäten". Zusammen mit den anderen aufgeführten Textstellen werde "eine Arbeitsweise deutlich".

Die Vorwürfe ließen sich am Mittwoch nicht anhand der Originalquellen überprüfen. Diese stammen in der Regel aus den 1970er Jahren. Schavan hatte 1980 mit der Arbeit "Person und Gewissen - Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung" an der Universität Düsseldorf den Doktortitel erlangt. Die Arbeit umfasst 351 Seiten.

Die CDU-Politikerin ist nach Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) und Sachsens früherem Kultusminister Roland Wöller (CDU) bereits der vierte Ressortchef, dem Plagiate vorgeworfen werden.

Schavan sagte, sie habe damals, vor dem Internet-Zeitalter, noch mit einem "Zettelkasten" gearbeitet, um die Quellen für ihre Doktorarbeit zu sammeln. Man könne nie ganz ausschließen, dass ähnliche Gedanken oder Formulierungen auch in anderen Werken stünden. Den Vorwurf, plagiiert zu haben, wies sie jedoch zurück und forderte den oder die Autoren der Online-Dokumentation auf, sich zu erkennen zu geben. Mit anonymen Vorwürfen könne man schwerlich umgehen. Schavan sagte, sie habe die Promotionskommission der Universität Düsseldorf gebeten, die Vorwürfe prüfen zu lassen. Die zuständige Promotionskommission werde kommende Woche die Arbeit aufnehmen, teilte ein Uni-Sprecher mit.

Schavan hatte sich in Guttenbergs Plagiatsaffäre Anfang 2011 sehr kritisch über ihren Kabinettskollegen geäußert. Der SZ sagte sie damals: "Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich."

Die Universität Potsdam entzog am Mittwoch dem CDU-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus, Florian Graf, den Doktortitel. "Der Promotionsausschuss der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam stellt fest, dass es sich bei der Dissertation von Herrn Florian Graf um eine Täuschung handelt", teilte die Uni mit. Graf hatte den Entzug seines Titels selbst beantragt. "Grund ist die von mir eingeräumte Täuschung bei der Abfassung meiner Arbeit. Ich werde gegen diese Entscheidung kein Rechtsmittel einlegen", teilte er mit.

Vergangenen Freitag hatte Graf den Fall öffentlich gemacht, nachdem er von der Hochschule mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert worden war. Er hatte in einem Brief zugegeben, beim Abfassen der Dissertation getäuscht zu habenAn diesem Donnerstag steht eine Vertrauensabstimmung in der CDU-Fraktion über Graf an.

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