SZ-Europa-Atlas "Wer gesteht schon gerne Missmanagement ein?"

Im Bereich der Hochschulbildung gibt es keine entsprechenden Tests, die einen Reformdruck aufbauen könnten.

Hier ist bislang tatsächlich wenig passiert, der Nachholbedarf an Reformen ist größer. Er reicht von den Leitungen der Hochschulen, die es verpasst haben, auf Entwicklungen angemessen zu reagieren, bis eben zur Lehre, die den aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht gerecht wird. Ich denke, die Veränderungen müssen zu allererst von den Universitäten selbst ausgehen - worin zugleich auch die Problematik liegt: Wer gesteht schon gerne Missmanagement ein? Es bringt nichts, wenn der Staat mehr Geld in die gleichen Institutionen steckt. Zudem sind italienische Hochschulen wie deutsche weitgehend autonom, der Einfluss des Staates ist also ohnehin begrenzt.

Bei der Zahl der Hochschulabschlüsse sind einmal mehr zwei skandinavische Länder - Finnland und Norwegen - Spitzenreiter. Was können Staaten wie Italien von ihnen lernen?

Die skandinavischen Länder haben ein sehr differenziertes und individualisiertes Bildungssystem. Das gilt insbesondere für die Zeit nach der Schule: Die tertiären Bildungseinrichtungen sind hochmodularisiert, zusätzlich unterstützen die Arbeitgeber Fortbildungsprogramme. Und noch etwas: Die Menschen haben dort die Idee des lebenslangen Lernens verinnerlicht. Der Einzelne entscheidet selbst, wie er sich über seinen gesamten Lebensweg aus- und weiterbildet. Hierzulande, aber auch in anderen europäischen Ländern geht es dagegen noch viel zu sehr darum, zu Beginn des Lebens möglichst viel Wissen anzuhäufen.

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In internationalen Rankings spielen auch skandinavische Universitäten keine Rolle. Dort landen regelmäßig US-amerikanische Hochschulen auf den vorderen Plätzen - und das, obwohl das amerikanische Bildungssystem ansonsten nicht als Vorzeigemodell gilt. Wie erklären Sie sich das?

Viele dieser Rankings sind auf die amerikanischen Unis zugeschnitten. Es zählen vor allem Veröffentlichungen von Forschungsarbeiten, die Qualität der Lehre spielt eine untergeordnete Rolle. Europäische und insbesondere auch asiatische Hochschulen schneiden da zwangsläufig schlecht ab. Insofern sollte man vorsichtig sein, welche Aussagekraft solche Rankings haben. Außerdem sagen die Ranglisten nichts über den Mittelwert aus, sondern nur über die Leistungsspitze. Und die USA haben es trotz eines mangelhaften Bildungssystems immer geschafft, Elite-Institutionen hervorzubringen. Wobei wir uns an der amerikanischen Hochschul-Tradition durchaus auch ein Beispiel nehmen können: So sind die staatlichen Investitionen pro Student in den USA doppelt so hoch wie in Europa. Das macht sich natürlich bemerkbar und bezahlt.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem reformbedürftigen Bildungssystem in Italien und der schlechten Wirtschaftslage?

Langfristig gibt es einen ganz klaren Zusammenhang zwischen der Qualität eines Bildungssystems und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Landes. Staaten, die kontinuierlich in hochqualifizierte Bildung investieren, sind wirtschaftlich leistungsfähiger. In Italien haben wir momentan weniger eine Wirtschafts- als vielmehr eine Produktivitätskrise. Produktivität wiederum hat natürlich schon mit den Fähigkeiten und Kompetenzen der Menschen zu tun. Aber ob sich die aktuellen Probleme des Landes allein auf Defizite im Bildungsbereich zurückführen lassen, halte ich für fraglich.