Südkorea Südkorea will Kindergärten Englischunterricht verbieten

Erbebenübung in einem südkoreanischen Kindergarten. (Symbolbild)

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die Regierung Südkoreas will per Gesetz verbieten, dass an Kindergärten Fremdsprachen unterrichtet werden.
  • Nun jedoch hat das Erziehungsministerium dem Druck vieler Eltern und privater Kindergärten nachgegeben und das Verbot ausgesetzt.
  • In der kompetitiven südkoreanischen Gesellschaft tun Eltern alles für die vermeintlich beste Ausbildung ihrer Kinder.
Von Christoph Neidhart, Tokio

Kleine Kinder sollen spielen, nicht Englisch büffeln. Mit dieser Begründung hat Südkoreas Regierung ein Gesetz beschlossen, dass es Kindergärten verbietet, den Kleinsten Fremdsprachen beizubringen. Oder auch nur englische Muttersprachler als Lehrpersonen einzustellen. Der frühe Fremdsprachenunterricht setze die Kinder zu sehr unter Druck.

Das Gesetz hätte dieser Tage in Kraft treten sollen. Vorige Woche jedoch hat das Erziehungsministerium dem Druck vieler Eltern und der privaten Kindergärten nachgegeben und es ausgesetzt, vorerst für ein Jahr. Begründet wurde die Suspension des Verbots genau gleich wie zuvor das Verbot: Kleine Kinder sollen spielen, nicht Englisch büffeln. Das Englisch-Verbot werde sie noch mehr Stress aussetzen.

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Der Streit, ob ein Schulsystem schon die Jüngsten an Fremdsprachen heranführen soll, tobt in vielen Ländern. In der koreanischen Presse warnen Konservative vor dem Verlust der Muttersprache und der eigenen Kultur. Außerdem sei ein früher Fremdsprachenunterricht ineffektiv. Die Gegenseite warnt, in einer globalisierten Welt verpasse Südkorea (wirtschaftlich) den Anschluss. Südkoreanische Konzerne sind auf der ganzen Welt präsent, aber die Südkoreaner gehören zu den Nationen mit den geringsten Englischkenntnissen.

Im Streit um den Fremdsprachenunterricht für die Kleinsten gibt es Experten, die zeigen zu können glauben, er bringe nichts. Mehrsprachig aufwachsende Kinder beweisen zwar das Gegenteil, aber die Theoretiker erklären sie zu Sonderfällen. Oder behaupten, mehrsprachige Kinder seien später in keiner Sprache wirklich zu Hause. Allerdings gibt es in vielen Ländern "Früh-Englisch", das ja auch spielerisch unterrichtet werden kann. In China zum Beispiel.

Bis zu 15 000 Euro pro Jahr für einen Kindergartenplatz

Im "überhitzten Erziehungssystem", wie der in Seoul lebende Brite Christopher Briscoe Südkoreas Schulen im Korea Herald nannte, erreicht dieser Streit ganz andere Dimensionen. Englisch stand nie auf dem südkoreanischen Lehrplan für kleine Kinder. Es soll erst ab der dritten Grundschulklasse unterrichtet werden. Private koreanische Institutionen, die Englisch unterrichten, dürfen sich deshalb nicht "Kindergarten", "Kindertagesstätte" oder "Vorschule" nennen.

Das ist schon lange so. Dennoch bieten die meisten privaten Kindergärten Englisch an, ihre Zahl hat stetig zugenommen. Viele dieser "illegalen" Kindergärten beschäftigen sogar Englisch-Muttersprachler als Erzieher. Koreanische Eltern zahlen bis zu 20 Millionen Won pro Jahr, umgerechnet 15 000 Euro, für einen solchen Kindergartenplatz. Drei- bis viermal mehr als für eine Vorschule, in der nur Koreanisch gesprochen wird. Schon seit 1995 gibt es in Korea Kindergarten-Versionen bekannter Englisch-Sprachtests.