Studium in den Niederlanden Angst vor zu viel Englisch

Denken nun vielleicht anders über ein Auslandssemester in den Niederlanden: Studierende im Audimax der Humboldt-Universität in Berlin.

(Foto: dpa)
  • Viele Niederländer sehen es kritisch, dass an den Unis seit Jahren immer mehr Englisch gesprochen wird.
  • Nun nimmt sich die Regierung des Themas an.
  • Diskutiert werden höhere Gebühren für ausländische Studierende sowie eine Beschränkung englischsprachiger Studiengänge.
Von Thomas Kirchner, Brüssel

Wie die Skandinavier sprechen auch die Niederländer gut Englisch. Sie fühlen sich den Briten mental und geografisch nahe und sind zu Recht stolz auf ihre Fähigkeit, die ihnen gerade im Wirtschaftsleben stark nützt. Dass sich die fremde Sprache aber auch an den Universitäten in raschem Tempo ausbreitet und das heimische Niederländisch immer stärker verdrängt, stößt seit Jahren auf Kritik. Ein Viertel der niederländischen Bachelor- und sogar drei Viertel der Master-Studiengänge sind inzwischen rein englischsprachig. Fast alle Doktorarbeiten werden auf Englisch verfasst. Die Regierung will nun einschreiten.

In einem Brief ans Parlament in Den Haag betont Bildungsministerin Ingrid van Engelshoven zwar, dass die Niederlande eine "offene Gesellschaft" bleiben sollten. Doch dann schlägt sie zwei Maßnahmen vor. Zum einen könnte zumindest außereuropäischen Studenten eine höhere Gebühr abverlangt werden. Zum anderen sei denkbar, nur bei den englischsprachigen Studiengängen eine Beschränkung in Form eines "Numerus fixus" einzuführen, wenn beide Sprachen angeboten werden. Gäbe es mehr Bewerber als Plätze, würden die Plätze verlost. Van Engelshoven will auch das Gesetz ändern. Bisher steht dort, dass die Studiengänge auf Niederländisch angeboten werden müssen, außer eine andere Sprache sei "nötig". Künftig muss die andere Sprache nach dem Willen der Ministerin einen "Mehrwert bieten".

Träumt weiter

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Aber nicht nur die englische Sprache, sondern auch die Menge der ausländischen Studenten weckt zunehmend Sorge. Ihr Anteil nahm stark zu in den vergangen Jahren, inzwischen sind es 122 000, die meisten von ihnen kommen aus Deutschland (22 125), gefolgt von China (4475). Sie zieht es an eine der 13 niederländischen Universitäten, die selbst in Medizin oder Psychologie kaum Zugangsbeschränkungen erlassen und die Lehre sehr international ausrichten. Anfang des Jahres riefen die TU Delft und die Universität Amsterdam um Hilfe. Man werde der vielen ausländischen Studenten nicht mehr Herr und brauche Quoten, zumindest in populären Bachelor-Studiengängen. "Können Sie sich einen Hörsaal vorstellen mit 80 Prozent Studenten aus Deutschland oder China?", fragte die Amsterdamer Rektorin Karen Maex.

Nach Ansicht von Kritikern haben einheimische Studenten inzwischen zu oft das Nachsehen, müssten sich mit Ausländern um die Plätze balgen. Außerdem leide die Qualität der Lehre. In mancher Fachschaft oder Studentenvertretung werde inzwischen sogar Englisch geredet, wenn kein Ausländer im Raum sei, ätzte Martin Sommer, Kommentator der Zeitung Volkskrant.

Besonders die Uni in Maastricht ärgert die Kritiker

Die Aktivistengruppe Beter Onderwijs Nederland (BON) reichte deshalb kürzlich eine Klage gegen die Universität Twente und die besonders englischlastige und internationale Universität Maastricht ein, an der Ausländer inzwischen die Mehrheit stellen. Indem sie überwiegend englischsprachige Kurse anböten, ohne dafür einen echten Grund zu haben, verstießen sie gegen das Gesetz, argumentiert der BON-Vorsitzende Ad Verbrugge, Philosoph an der Freien Universität Amsterdam. Niederländische Studenten und Dozenten könnten sich auf Englisch bei weitem nicht so gut ausdrücken wie in der Muttersprache, in der sie denken. Diese "Sprachverluderung" durch die Verwendung von "globalese" habe auch Folgen für die ganze Gesellschaft, schließlich gehe es um künftige Führungskräfte.

Hinter dem Streit stecken politische Fragen, die sich so oder ähnlich vielerorts in Westeuropa stellen. Wie offen muss ein exportorientiertes Land sein, um Erfolg zu haben in der globalisierten Wirtschaft? Ab wann läuft es Gefahr, seine Eigenheiten, seine Kultur oder, wie es auf der politischen Rechten mit Vorliebe heißt, seine Identität zu verlieren?

Große Sorgen muss man sich um das Niederländische zum Glück nicht machen. Es sei "eine sehr lebhafte Sprache mit ausgezeichneten Überlebenschancen für die Zukunft", heißt es in einer Studie der Nederlandse Taalunie.

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