Studium in den neuen Bundesländern Ost-Studenten sind zufriedener

Sehnsucht nach Jena: An manchen Ost-Universitäten studieren bereits mehr als 40 Prozent Studenten mit West-Abitur. Eine Studie zeigt, dass die Akademiker im Osten ihre Ausbildung in allen Aspekten besser bewerten als Kommilitonen in den alten Bundesländern.

Von Johann Osel

Was hat man sich nicht alles einfallen lassen, um Abiturienten aus dem Westen an ostdeutsche Hochschulen zu locken: Mit Trabbi-Fahrten, Umzugs-Shuttles von Delmenhorst nach Chemnitz oder Schnitzeljagden buhlt die Hochschulinitiative "Neue Bundesländer" um Zuzug. Unter dem Slogan "Studieren in Fernost" wurde das Studium teils wie ein Asien-Trip verkauft, Abgesandte hockten da mit Chinesenhüten in der Innenstadt von Kassel.

"Saublöd" sei das Ganze, entfuhr es dem Leipziger Rektor, als er für einen Imagefilm auf zwei Asiaten traf, die als Vampire verkleidet seltsame Grimassen schnitten. Er hätte viel lieber die geringeren Lebenshaltungskosten im Osten, sichere Sitzplätze im Hörsaal, eine gute Betreuung und modernisierte Räume und Labore angepriesen.

Immer wieder gibt es Kritik an dem oft klamaukartigen Marketing, nun ändert die Initiative mit einer seriösen Studie ihren Kurs: Sie ließ Forscher unter dem Dach des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung die Zufriedenheit von Studenten in Ost und West untersuchen. Die Analyse, die am Mittwoch veröffentlicht wird und der Süddeutschen Zeitung vorliegt, fußt auf bundesweiten Umfragen unter Absolventen der vergangenen Dekade sowie Personalchefs. Insgesamt würden demnach 87 Prozent der Studenten im Osten erneut ihre Hochschule wählen, im Westen 82 Prozent.

Bei allen abgefragten Aspekten - darunter Betreuung, Infrastruktur, Berufsvorbereitung - bewerten Ost-Absolventen ihr Studium leicht besser. Etwa bei der Betreuung gibt im Westen die Hälfte Bestnoten - im Osten sind es elf Prozent mehr. Ähnlich variiert die Meinung zur Aktualität der Studieninhalte oder Verzahnung von Theorie und Praxis.

Ihre Berufschancen bewerten Studenten überall fast gleich: 77 Prozent sehen sich sehr gut oder gut ausgebildet. Auch bei Arbeitgebern existieren laut Studie keine Vorbehalte angesichts des Studienorts, nur kleinere Abstufungen: Im Osten geschultes Personal wird als etwas motivierter betrachtet, dagegen wird ihm weniger internationale Kompetenz zugetraut.

Im Westen überfüllte Säle, im Osten sinkt die Zahl der Schulabgänger

Dass die Bedingungen gleich oder gar im Osten besser gedeutet werden, sieht die Studie als "deutsch-deutsche Einheit auch auf bildungspolitischer Ebene". Das dürfte der Politik bei dem Ziel helfen, Studentenströme in den Osten zu leiten. Während viele westdeutsche Unis ihre Studenten in überfüllte Hörsäle oder gar Kinos stecken müssen, sinkt im Osten die Zahl der Schulabgänger enorm.

Daher finanzieren Bund und Länder im Hochschulpakt mehr Ost-Studienplätze als demographisch nötig - in der Hoffnung, dass angehende Studenten aus Kiel oder Bochum den Weg nach Görlitz oder Rostock finden. Nach doppelten Abiturjahrgängen in Bayern und Niedersachsen sind nun bald Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen an der Reihe - ein Ende des Studentenansturms im Westen ist nicht absehbar.

Schon jüngst verbuchte der Osten steigende Anteile von Studienanfängern mit West-Abi, in Thüringen etwa 40 Prozent. Sein Land sei "Anziehungspunkt für die klügsten Köpfe", sagt Bildungsminister Christoph Matschie (SPD), er will den "demographischen Knick ausgleichen". 2009 hätten noch 10.300 Landeskinder die Hochschulreife erworben, 2011 nur 6800. Doch reichen die Bemühungen nicht. Beispiel Uni Jena: Dort kommen aktuell gut 40 Prozent der Erstsemester aus dem Westen, so 314 aus Bayern, 144 aus Hessen, einer aus dem Saarland. Trotzdem verlor die Uni dieses Semester einige hundert Studenten.