Studium Akademiker ohne Abi

An die Hochschulen strömen zunehmend Anfänger ohne klassisches Abitur, viele davon stemmen das Studium neben dem Beruf. Der Spagat zwischen Vorlesung und Arbeitsplatz beschert ihnen einen stressigen Alltag - kann sich aber am Ende auszahlen.

Von Klaus Heimann

Freitagnachmittag in Mannheim-Käfertal: Für die gut 2000 Mitarbeiter der Firma Alstom-Power steht der Start ins arbeitsfreie Wochenende bevor. Auch die Projektmanagerin Melanie Lück fährt das Konstruktionsgerät herunter - aber das Wochenende wird wieder mal anders ablaufen als bei den Kollegen. Zwei arbeitsfreie Tage bedeuten: Studien- und Lerntage.

Jeden Samstag muss sie früh aufstehen, düst mit ihrem schwarzen Sport-Coupé nach Rüsselsheim, um kurz nach acht Uhr pünktlich da zu sein; um diese Uhrzeit beginnt die erste Vorlesung an der Hochschule RheinMain. Bis zum Spätnachmittag reiht sich dann Lehrveranstaltung an Lehrveranstaltung. Hinzu kommen ein wöchentlicher Seminartag jeweils mittwochs, zum Anfang und Ende des Semesters mehrtägige Blockkurse, obendrauf Klausurtermine. Mit Urlaub und ihrem Gleitzeitkonto kann die junge Frau das bewerkstelligen. Ein stressiger Alltag - mittlerweile schon seit sieben Semestern.

Melanie Lück, 27 Jahre alt, studiert Ingenieurwissenschaften und beginnt gerade mit ihrer Diplomarbeit. Darin geht es um die Frage, wie man Gasturbinen umweltfreundlicher bauen kann.

In dreifacher Hinsicht nicht alltäglich

Ihr Studium ist in dreifacher Hinsicht nicht alltäglich: Erstens handelt es sich um die Männerdomäne Maschinenbau, außer ihr gibt es nur noch eine Kommilitonin im Semester; zweitens absolviert Lück ihr Studium berufsbegleitend; und drittens: ohne Abitur.

Das Sommersemester beginnt in diesen Tagen. Voraussichtlich etwa 12.000 der Studienanfänger werden in diesem Jahr kein Abitur haben - ihre Eintrittskarte ist der Meisterbrief, der Abschluss von Technikerfachschulen oder eine herkömmliche Lehre. Ihr Anteil wächst zwar, ist aber mit 2,3 Prozent aller Studenten noch eher gering. Andere EU-Länder verbuchen hier weitaus höhere Quoten, etwa in Schweden liegt sie bei einem Drittel der Studenten. Deutschland will aufholen, das ist seit Jahren erklärter Wille der Bildungsminister.

Vor wenigen Tagen bekräftigte das Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD): "Die Steigerungsraten sind ermutigend, aber natürlich wünschen wir uns viel mehr Studierende aus diesem Bewerberkreis. Studieren ohne Abi - das muss schlicht eine Selbstverständlichkeit werden." Die meisten Nicht-Abiturienten im Hörsaal zählt ihr Land NRW, mit 4,7 Prozent aller Eingeschriebenen.

Melanie Lück hat ihre Zeit am Gymnasium nicht in bester Erinnerung. Vor dem Abi schmiss sie die Schule: "Das Ziel Abitur war noch so weit weg, die Zensuren waren gar nicht schlecht, aber ich wollte einfach nicht mehr." Sie begann eine Berufsausbildung zur Technischen Zeichnerin. Lernen im Unternehmen machte ihr Spaß, Konstruieren von Gasturbinen wurde ihr Metier. Aber bald wollte sie mehr. "Die Ausbildung war gut, mir reichte das aber nicht, ich wollte weiterkommen", sagt Lück, die ruhig und überlegt ihre Worte wählt und so dem Image vom etwas reservierten Tüftler entspricht, das Ingenieuren gerne zugeschrieben wird.

Es folgte der Besuch einer Techniker-Fachschule, ebenfalls berufsbegleitend - also arbeiten und lernen, auch am Wochenende, vier Jahre. Mit dem Zertifikat zur staatlich geprüften Technikerin Automatisierungstechnik und Mechatronik in der Tasche wollte sie noch eine Schüppe drauflegen: Diplom-Ingenieurin. Doch komplett auszusteigen aus dem Job, um in Vollzeit zu studieren, kam für Melanie Lück nicht infrage: "Ich hätte mit Bafög auskommen müssen, und die Anbindung an den Betrieb wäre auch weg gewesen." So kam sie an die Hochschule RheinMain, die frühere Fachhochschule Wiesbaden, mit Standort in Rüsselsheim. Dort war man auf Klientel aus der Praxis tendenziell eher eingestellt als an vielen anderen Hochschulen.