Studieren im Ausland Warum sich Erasmus und Bologna nicht vertragen

Seit 25 Jahren gehen Studenten mit Erasmus-Stipendien ins Ausland. Zwar steigen die Zahlen der Teilnehmer weiterhin - doch die europäische Hochschulreform drückt auf die Jubelstimmung zum Jubiläum.

Von Johann Osel

Kein Wunder, dass Erasmus derart beliebt sei, bemühte sich eine Autorin der Wochenzeitung Die Zeit unlängst zu analysieren. Der Hochschüler-Austausch sei schließlich "der größte Sauf- und Sex-Exzess Europas". Die Beteiligten hätten höchst unterschiedliche Vorstellungen davon, was das gemeinsame Europa auf akademischer Ebene bedeute. Die Erasmus-Macher dächten an Bildung und internationale Erfahrung; die Studenten daran, den Ernst des Lebens eine Weile aufzuschieben. "Und sie tun es. Sie flirten sich durch Valencia, nehmen eine Auszeit oder Drogen oder beides in Amsterdam, huren sich durch die Malmö-Betten und wachen morgens ohne Schuhe am Strand auf."

Erasmus, ein Sündenpfuhl? Offenbar hat die Autorin einen wunden Punkt getroffen, unzählige Reaktionen auf der Internetseite des Blatts legen das nahe, an vielen Unis war der Artikel prompt Flurgespräch.

Unter Verzicht auf jegliche Schlüpfrigkeiten bewertete kurz darauf die Bundesbildungsministerin das Programm. Mit den bisher 2,5 Millionen Teilnehmern, gut 400.000 von ihnen aus Deutschland, trage die Mobilität der Studenten "zum Zusammenwachsen der europäischen Gesellschaften bei", teilte Annette Schavan mit. Es profitiere nicht nur der Einzelne in seiner Entwicklung, sondern es würden "Brücken gebaut" - wichtig "gerade in der aktuellen Situation, in der wir vielfach das Wiedererstarken nationaler Egoismen erleben". Derlei werden Ende dieser Woche viele Politiker betonen - dann hat Erasmus seinen 25. Geburtstag.

Letztlich ist es eine individuelle Frage, wie ein Student seinen Aufenthalt gestaltet: Ob er das richtige Maß findet zwischen Pauken und Party, zwischen Wörterbuch und Wodka. Unabhängig davon gilt die Massenverschickung von jungen Leuten ins Ausland als Erfolgsgeschichte. Mit Verwunderung haben daher Siegbert Wuttig und Marie Schneider den Zwischenruf der Journalistin registriert. Wuttig ist sozusagen Deutschlands Erasmus-Chef, in der zuständigen Abteilung beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD); Schneider ist Sprecherin der hiesigen Sektion des Erasmus-Student-Network (ESN), das es an Hunderten Hochschulen europaweit gibt.

"So eine Zuspitzung ist betrüblich, sie entspricht ja nicht den Tatsachen. Und niemand hat in Frage gestellt, dass bei Erasmus wie bei jedem Studentenleben auch Freizeit mit dazugehören sollte", so Wuttig. Und Schneider meint: "Dass man auch feiern und etwas erleben will, ist klar." Aber gerade die Generation Bachelor habe den Leistungsgedanken im Hinterkopf, im reformierten Studium gelte es doch, Punkte für den Abschluss zu sammeln - auch im Ausland.

Doch genau aus dem Grund stößt die Jubelstimmung zum Jubiläum an Grenzen. Erasmus und Bologna hadern miteinander - obwohl die Reform die Mobilität eigentlich fördern sollte. Studenten, die etwa aus dem sonnigen Spanien zurückkehren, kann es den Start in der Heimat gehörig verhageln. Nach Befragungen des ESN können sich nur drei Viertel der Teilnehmer Leistungen aus dem Ausland voll anerkennen lassen. Trotz des European Credit Transfer Systems (ECTS), mit dem im Rahmen von Bologna ein Studium exakt messbar und international vergleichbar werden sollte, werden Arbeiten oft herabgestuft. Das ECTS-System gibt aber keine Gewähr für die Qualität, sondern nur für den Zeitaufwand. Und da betrachten manche deutsche Professoren die Seminare der ausländischen Kollegen offenbar erst mal mit Skepsis.