Studie zum Vorlesen Eltern mit ausländischen Wurzeln sind die fleißigsten Vorleser

Magie der Worte: In den meisten deutschen Familien wird regelmäßig vorgelesen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kulturpessimisten hatten schon befürchtet, das Vorlesen sterbe aus. Doch die jüngste Studie der Stiftung Lesen gibt Entwarnung. Eltern mit Migrationshintergrund tun sich doppelt hervor: als besonders fleißige Vorleser - und als Vorlese-Verweigerer.

Von Johanna Bruckner

Ausgerechnet eines der meistgelesenen deutschen Bücher der vergangenen Jahre handelt von den Gefahren des Vorlesens. Im Fantasy-Roman Tintenherz von Cornelia Funke (2003) geht es um einen Vater und seine Tochter, die Figuren aus Büchern "herauslesen" können. So erwecken sie beispielsweise den Hund Toto aus Der Zauberer von Oz zum Leben - aber auch allerhand Unholde und Monster.

Die Funke-Romane erzählen allerdings nicht nur eine spannende Geschichte, sie werben auch für die Magie des Vorlesens. Das erscheint eine durchaus hehre Botschaft zu sein, mahnen Kulturpessimisten doch schon lange, dass in deutschen Familien zu oft der Fernseher eingeschaltet und zu selten ein Buch in die Hand genommen werde. Die jüngste Studie der Stiftung Lesen (in Kooperation mit der Deutschen Bahn und der Zeit) gibt nun jedoch Entwarnung.

Im Vergleich zu 2007 ist der Anteil der Eltern, die ihren drei- bis fünfjährigen Kindern mindestens einmal in der Woche vorlesen, um sechs Prozentpunkte gestiegen, von 82 auf 88 Prozent. In Familien mit niedrigem Bildungsniveau, in denen in der Regel weniger vorgelesen wird, stieg die Begeisterung fürs Buch sogar um 14 Prozentpunkte (von 67 auf 81 Prozent).

Wie heute vorgelesen wird

Für die "Neuvermessung der Vorleselandschaft" wurden im Frühjahr 500 Familien mit Kindern zwischen zwei und acht Jahren befragt. Die Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung im Überblick:

  • Vorlesen hat insbesondere für Familien mit Kindern im Vorschulalter einen hohen Stellenwert (siehe oben). Aber auch in der erweiterten Altersgruppe (zwei bis acht Jahre) wird noch gerne zum Buch gegriffen: 70 Prozent der befragten Eltern lesen ihren Sprösslingen täglich oder mehrmals in der Woche vor.
  • In 14 Prozent der Familien ist das Vorlesen laut der Stiftung Lesen "keine familiäre Realität", das heißt, es wird seltener als ein- bis zweimal in der Woche vorgelesen.
  • In Familien mit niedrigem Bildungshintergrund wird durchschnittlich seltener vorgelesen. Der Anteil der Eltern, die ihren Kindern nie vorlesen, liegt hier bei 16 Prozent. Unter den Eltern mit hohem Bildungsabschluss sind es nur fünf Prozent.
  • Am meisten Wert auf die tägliche Lektüre legen Eltern mit Migrationshintergrund: 28 Prozent der Mütter und Väter mit ausländischen Wurzeln lesen ihren Kindern jeden Tag vor, in Familien ohne Migrationshintergrund sind es 26 Prozent.
  • Allerdings sind es auch hier vor allem Mütter und Väter mit mittlerem und hohem Bildungshintergrund, denen das Vorlesen wichtig ist. Haben die Eltern jedoch einen Migrationshintergrund und nur einen niedrigen Bildungsabschluss, sinken die Chancen der Kinder über das Vorlesen einen ersten wichtigen Zugang zur deutschen Sprache zu bekommen. Ein Viertel aller Eltern in dieser Gruppe liest überhaupt nicht vor.
  • Mütter lesen häufiger vor als Väter. Bei den Täglich-Vorlesern beträgt der Geschlechterunterschied 20 Prozentpunkte (29 zu neun Prozent). Allerdings bemühen sich Väter verstärkt um diese Art der Freizeitbeschäftigung mit dem Nachwuchs: Zwischen 2007 und 2013 stieg der Anteil der Väter, die ihren Kindern (zwischen drei und fünf Jahren) mindestens einmal in der Woche vorlesen um 13 Prozentpunkte.
  • Berufstätige Eltern nehmen seltener ein Buch zur Hand als solche, die nicht arbeiten.
  • Bei den Erwachsenen selbst haben Nachrichten einen höheren Stellenwert als Literatur: 61 Prozent der befragten Mütter und Väter lesen täglich oder mehrmals in der Woche eine Zeitung. Dagegen greifen nur 46 Prozent regelmäßig zu einem Buch. Eltern seien "in der Familie häufig nicht ausreichend als Lesevorbilder präsent", urteilen die Macher der Studie.

​Dennoch: Das Vorlesen scheint wieder populärer zu werden. Wohl auch, weil die große Mehrheit der Mütter und Väter die Ansicht vertritt, dass es eine zentrale Aufgabe des Elternhauses ist, Kindern eine gute Lesefähigkeit mit auf den Weg zu geben. Allerdings, das deutet sich in verschiedenen Ergebnissen der Studie an, ist das Buch nicht mehr der einzige mögliche Zugang zum Vorlesen und Lesen.

Digitale Leseangebote - Chance oder Fluch?

So nutzt nur noch ein Drittel der Familien öffentliche Bibliotheken. Dafür ist bereits in jedem zweiten Haushalt mit Kindern zwischen zwei und acht Jahren ein Tablet-PC vorhanden. Besonders Familien mit niedrigem Bildungshintergrund haben im vergangenen Jahr ein solches Gerät angeschafft, hier gab es einen Zuwachs von 34 Prozent. (Linktipp: Einer neuen US-Studie zufolge verbringen bereits unter Zweijährige heute durchschnittlich zwei Stunden vor Bidschirmen - was Eltern und Kinderärzte dazu sagen.)

Die Stiftung Lesen sieht in dieser Begeisterung für technische Endgeräte eine Chance, auch diejenigen Eltern zum Vorlesen zu bringen, die sich dem Buch bislang verwehrt haben - so zum Beispiel Mütter und Väter mit einem niedrigen Schulabschluss. Aber haben digitale Leseangebote den gleichen pädagogischen Wert wie gedruckte?

Mancher Experte ist da skeptisch. So sagte der als "Rechtschreib-Rebell" bekanntgewordene Bildungskritiker Friedrich Denk jüngst in einem Interview mit SZ.de: "Von der Lektüre ist das nächste Kaufangebot nur eine Fingerberührung entfernt. Aus dem Leser kann so leicht ein Konsument werden. Das ist es, was Amazon und Co. eigentlich wollen."

Beim Vorlesen zumindest können das die Eltern verhindern. Indem sie die Aufmerksamkeit ihrer Kinder fesseln - zum Beispiel mit fantastischen Geschichten. Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, ob die auf Papierseiten gedruckt sind oder auf einem Bildschirm erscheinen.

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