Streit um Bildungsplan in Baden-Württemberg Kirchen wehren sich gegen sexuelle "Indoktrination"

Der Widerstand gegen den geplanten Sex-Toleranz-Unterricht in Baden-Württemberg wächst. Nun sprechen sich auch die Landeskirchen dagegen aus, in der Schule künftig über sexuelle Identität zu sprechen. Kinder und Jugendliche dürften in dieser Frage nicht beeinflusst werden.

Der neue Bildungsplan der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg soll eigentlich das gesellschaftliche Miteinander fördern. Bislang sorgt er aber vor allem für Zwist. Ein Punkt steht im Fokus der Kritik: Grüne und SPD wollen sich dafür einsetzen, dass die "Akzeptanz sexueller Vielfalt" künftig fächerübergreifend in der Schule thematisiert wird. Eine umstrittene Online-Petition gegen diesen schulpolitischen Plan hat bereits mehr 80.000 Unterstützer. Nun sprechen sich auch die Landeskirchen im Ländle gegen den Sex-Toleranz-Unterricht aus.

Kinder und Jugendliche dürften bei ihrer Suche nach der sexuellen Identität nicht beeinflusst werden, erklärten die katholische und evangelische Kirche. Konkret heißt es in dem gemeinsamen Statement: "Jeder Form der Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt es zu wehren. Dies gilt nicht zuletzt im sensiblen Bereich der sexuellen Identität und damit verbundener persönlicher und familiärer Lebensentwürfe." Was in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft kontrovers werde, müsse auch in Bildungsprozessen kontrovers dargestellt werden.

Der pietistische Flügel in der evangelischen Kirche warnte Grün-Rot davor, die Leitlinien im Grundgesetz verschieben zu wollen. Im Bildungsplan werde eine gleichwertige Darstellung von Homosexualität mit dem klassischen Beziehungsmodell angestrebt. "Nach dem Grundgesetz und der Landesverfassung müssen Ehe und Familie absolute Priorität haben", sagte der Generalsekretär der Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb. Die Organisationen in der Deutschen Evangelischen Allianz vertreten nach eigenen Angaben etwa 1,3 Millionen Menschen.

CDU keilt gegen Grün-Rot

Auch die Opposition in Baden-Württemberg positioniert sich auf Seiten der Bildungsplan-Boykottierer. CDU-Fraktionschef Peter Hauk äußerte Verständnis für die Gegner und attackierte die Landesregierung, es gebe keinen Grund die Initiatoren und Unterzeichner der Petition "Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens" zu kritisieren. "Wenn man diese Diskussion um Toleranz im Bildungsplan führt, muss man auch tolerant gegenüber denjenigen sein, die dort andere Auffassungen vertreten."

Bei der FDP gibt es indes parteiinternen Streit über den Umgang mit dem Thema. So wurde FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke vom liberalen Nachwuchs harsch kritisiert. Rülke hatte am Donnerstag gesagt, die FDP betrachte andere Lebensformen als die klassische Familie "als tolerabel, aber nicht als gleichwertig". Juli-Landeschef Sebastian Gratz erklärte, er schäme sich für diese Aussagen. "Seine Äußerungen zur Minderwertigkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen sind Sand im Getriebe der neuen FDP."

Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) hatte den Bildungsplan 2015 zuvor als "Schritt zur Normalität" im Umgang mit Homosexualität in der Schule und im Unterricht verteidigt und die Netz-Initiative scharf kritisiert. Der Süddeutschen Zeitung sagte er, die Petition sei einzig dazu da, "bei Eltern Ängste zu schüren".

Ein Realschullehrer aus dem schwäbischen Nagold hatte die Petition Anfang November gestartet. Darin kritisiert der Pädagoge, dass laut Bildungsplan im Unterricht künftig "verschiedene Formen des Zusammenlebens von/mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, Transsexuellen und Intersexuellen (LSBTTI)" thematisiert werden sollten, wobei die "negativen Begleiterscheinungen" solcher Lebensstile vernachlässigt würden. Als solche benennt der Lehrer beispielsweise eine "höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen" und eine "erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen".

Nicht nur der Kultusminister wehrt sich gegen diese homophobe Äußerungen. Unter dem Twitter Hashtag "idpet" formiert sich im Netz Widerstand gegen die Initiative. Außerdem haben Befürworter des Anliegens von Grün-Rot inzwischen eine eigene Online-Petition gestartet. Innerhalb von drei Tagen wurde sie von fast 15.000 Menschen unterzeichnet.

Ein "ganz normales Thema"

Anders als in Baden-Württemberg ist Unterricht zum Thema Homosexualität in anderen Bundesländern kein Streitthema. "Ich glaube nicht, dass das in Niedersachsen ein Problem ist", sagte der Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Richard Lauenstein, in Hannover. "Ich gehe davon aus, dass Homosexualität im Aufklärungsunterricht als ganz normales Thema abgehandelt wird." Wie ein Sprecher des Kultusministeriums erklärte, spiele Homosexualität etwa im Fach "Werte und Normen" eine Rolle.

Selbst im christlich-konservativen Bayern ist man offenkundig schon einen Schritt weiter. Das Thema Homosexualität sei bereits laut Lehrplan "eingebettet in die Werteerziehung", sagte Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). "In diesem Zusammenhang sind die Toleranz und der Respekt vor der Würde des Menschen - unabhängig von der Lebensform - zentral", heißt es in einer Mitteilung seines Ministeriums. Ganz anders sieht das die Opposition: "Bayern ist in diesem Punkt Entwicklungsland", kritisierte die Grünen-Abgeordnete Claudia Stamm. Solange das Schimpfwort "schwule Sau" das häufigste in der Schule sei, herrsche Handlungsbedarf.