Streit in der Wissenschaft Wer Leser will, muss auf Englisch schreiben

Um international beachtet zu werden, veröffentlichen deutsche Professoren ihre Arbeiten zunehmend auf Englisch. Geistes- und Sozialwissenschaftler befürchten eine "geistige Verarmung".

Von Johann Osel

Die sechs Philosophen sitzen auf dem Podium und streiten sich lebhaft, es geht um Kant. Fünf sind Deutsche, einer ist Amerikaner. Man debattiert auf Englisch, womöglich holprig. "Ein vielfach belehrendes Schauspiel deutscher Höflichkeit." So beschreibt es Holger Burckhart. Derlei Szenen kenne fast jeder Geisteswissenschaftler.

Der Rektor der Universität Siegen, ein Philosoph, erzählte die Schnurre am Donnerstagabend. Da eröffnete er als Gastgeber den Philosophischen Fakultätentag. Das Gremium der Geistes- und Sozialwissenschaften an mehr als 60 Hochschulen widmet sich bis Samstag eben diesem Thema: Deutsch als Wissenschaftssprache. Genauer: ihrem Niedergang.

In Burckharts Redemanuskript findet sich die These: Natürlich sei Wissenschaft vom Wesen her international. Aber Deutsch werde verdrängt vom Englischen als Verkehrssprache - und eben das führe "provokativ gesagt zu geistiger Verarmung".

Es gibt einen gemeinsamen Nenner

In Naturwissenschaften ist Englisch für Aufsätze, für Vorträge längst Regelfall. Mit Vorteilen: Forscher können sich schnell und präzise austauschen, es gibt einen gemeinsamen Nenner. Viele Geisteswissenschaftler, als Hüter der Sprache, sehen das kritischer. Professoren stecken aber in einem Dilemma. Burckhart sagt, dass Arbeiten "nur dann beachtet werden, wenn sie in Englisch verfasst werden".

An Fakultäten kursiert ein böser Satz: "Publish in English or perish in German" - "Publiziere auf Englisch oder verrecke auf Deutsch". Denn Erfolg von Wissenschaft wird heute danach bemessen, wie oft man von Kollegen zitiert wird. Die Datenbanken dafür blicken eher auf englischsprachige Werke.

Hochschulforscher des HIS-Instituts haben Forscher dazu befragt. "Die Erosion der deutschen Sprache vollzieht sich in Geisteswissenschaften nicht in demselben Maße wie in den Naturwissenschaften", heißt es in der vom Bund geförderten Studie. Die Frage, ob Deutsch in ihrem Fach weltweit weniger Bedeutung als Englisch habe, bejahten aber fast 60 Prozent der Historiker; bei den Medienwissenschaftlern waren es 90 Prozent, sogar bei den Germanisten ein Fünftel.

Deutsche Professoren veröffentlichen daher zunehmend auf Englisch; selbst wenn es um Pressezensur im Norddeutschen Bund geht, um Flugschriften der Reformation, um Richard Wagner oder Ingeborg Bachmann. Auf Englisch spiele man "sofort in einer anderen Liga", hört man immer wieder. Auf Fachtagungen sind deutsche Worte oftmals allenfalls in der Raucherecke zu vernehmen.

Wie groß ist Ihr Wissen?

Wer beschäftigt sich noch mal gleich mit der Gretchenfrage? Und was bitte soll ein Baltischer Tiger sein? Die Uni gilt als Hort des Wissens - aber was lernt man wo? Testen Sie Ihr Wissen über Studiengänge und Inhalte im Studium-generale-Quiz. mehr ...