Streik an dänischen Schulen Lehrer müssen draußen bleiben

Seit zwei Wochen fällt für 900.000 dänische Schüler der Unterricht aus. Schuld ist ein bis dato einmaliger Arbeitskampf zwischen den öffentlichen Arbeitgebern und den angestellten Pädagogen. Noch haben die Lehrer die Sympathien der Bevölkerung auf ihrer Seite.

Von Thomas Kirchner

Wie alle Skandinavier bleiben Dänen selten zu Hause wegen ihrer Kinder, mehr als 80 Prozent der Mütter arbeiten. Welch wichtige Rolle die Schule bei der Betreuung spielt, spüren die Bürger derzeit anhand eines außergewöhnlich harten Arbeitskampfes. Weil die öffentlichen Arbeitgeber 69.000 Lehrer ausgesperrt haben, sind seit zwei Wochen alle Gesamtschulen des Landes geschlossen. Für sämtliche Schüler der Klassen eins bis neun sowie einige Betroffene anderer Schulen, insgesamt knapp 900.000 Kinder, fällt der Unterricht aus, ihre Osterferien dauern an.

Zunächst wurde improvisiert, noch halbwegs gut gelaunt. Man nahm Urlaub, Großeltern halfen aus, Elterngruppen stellten Freiwillige auf. Sportvereine und Unternehmen wie Ikea boten Betreuung an, viele Eltern nahmen ihre Kinder auch mit in die Arbeit. Inzwischen ächzen die Dänen, obwohl die Sympathie der meisten immer noch den Lehrern gilt. Deren Gewerkschaft DFL hat den Kampf um die öffentliche Meinung gewonnen, sie wirft den Arbeitgebern vor, nicht ernsthaft zu verhandeln.

Staat und Kommunen sind fest entschlossen, die ihrer Ansicht nach zu großzügigen Arbeitszeitregelungen der Lehrer zu kippen. Sie verweisen auf die nur 16,3 Stunden, die eine Lehrkraft pro Woche unterrichte; die Pädagogen wiederum wollen die vielen Stunden dazugerechnet wissen, die sie mit Vor- und Nachbereitung der Lektionen verbringen und warnen vor einer "Billigschule". Nach langen Verhandlungen und einer ergebnislosen Schlichtung griffen sie zum härtesten Mittel, der Aussperrung, die es selten und in diesem Umfang noch nie gab in Dänemarks öffentlichem Dienst.

Kaum zehn Prozent der Lehrer sind noch Staatsdiener

Dass es - auf Kosten der Schüler - zugeht wie bei Arbeitskämpfen in der Industrie, liegt daran, dass kaum zehn Prozent der Lehrer noch Staatsdiener sind, als Folge einer großen Entbeamtungswelle Anfang der Neunzigerjahre. Vom Rest sind 95 Prozent in der Gewerkschaft, für sie gelten die üblichen Regeln bei Tarifkonflikten.

Es war die Regierung, die den Streit Ende vergangenen Jahres in Gang setzte - als sie die Pläne für eine Schulreform vorstellte, die 2014 in Kraft treten soll. Die sozialliberale Koalition von Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt will aus den "Folkeskoler", den Grundgesamtschulen, in die alle bis zur neunten Klasse gehen, eine Art Ganztagsschule machen, die Kinder sollen Unterricht bis 15.30 Uhr erhalten, mehr Zeit mit den Lehrern verbringen. Sie verspricht sich davon eine höhere Qualität der Schulbildung.

Bei den Pisa-Tests schneidet Dänemark nur mittelmäßig ab, gibt aber überdurchschnittlich viel Geld für das öffentliche Schulwesen aus. "Das Thema Grundschule ist in der politischen Hierarchie ganz nach oben gestiegen", sagt der Soziologe Mikkel Mailand von der Universität Kopenhagen, "es hat jetzt Priorität bei der Regierung, weil es als Schlüssel für die Zukunft gilt."

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Schulleitungen sollen wie ein Management agieren

Qualitätsfördernd soll auch wirken, dass die Schulleitungen mehr wie ein Management agieren und die Einsatzzeiten der Angestellten ohne Rücksicht auf Tarifverträge gestalten können. Ressourcen ließen sich freimachen, indem man die Lehrerarbeitszeit "normalisiere", heißt es im Konzept der Reform, die von der Öffentlichkeit, aber auch von der konservativen Opposition überwiegend begrüßt wurde.

Andere Gewerkschaften zeigen sich solidarisch mit den Lehrern, sie befürchten, dass in weiteren Bereichen des öffentlichen Dienstes Effizienzsteigerungen geplant sind. Zu echten Sympathiestreiks ist es aber noch nicht gekommen. Alle warten nun darauf, dass der Staat den Konflikt mit einer gesetzlichen Regelung im Sinne der Arbeitgeber beendet. Eigentlich reguliere sich der nordische Verhandlungskapitalismus, bei dem die Tarifparteien gleichberechtigt einen Kompromiss suchen, ja von selbst, sagt der Arbeitsmarktexperte Mailand. "Etwa alle zehn Jahre muss aber offenbar der Staat eingreifen, wenn das System in einen Loop geraten ist, in eine Endlosschleife."

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