Spick-Problem in Indien Wo Eltern die Wände hochgehen

  • Im indischen Bundesstaat Bihar wurden Hunderte Eltern dabei gefilmt, wie sie ihren Kindern während eines Examens Spickzettel zusteckten.
  • Jedes Jahr müssen alle Schüler der 10. und 12. Klasse in Indien ein landesweites Examen ablegen, das über ihre schulische und weiterführende Bildung entscheidet.
  • Im Bundesstaat Bihar gelten die Schulen als besonders schlecht, weshalb viele Eltern kein schlechtes Gewissen dabei haben, ihren Kindern beim Betrügen zu helfen.

Spicken in Indien

Jeden März werden in Indien alle Schüler der Klassen 10 und 12 in einem landesweiten Examen geprüft. Im Bundesstaat Bihar wurden nun Hunderte Eltern dabei fotografiert und gefilmt, wie sie an Schulgebäuden hochkletterten, um ihren Kindern während dieser Tests Spickzettel zuzustecken.

Der Grund: Die Bildung in dem Bundesstaat ist besonders schlecht. Ein Vater begründete seine unorthodoxen Maßnahmen damit, dass die Schulen so miserabel seien: "Diese staatlichen Lehrer bringen den Schülern überhaupt nichts bei. Meist fehlen sie sowieso. Und deshalb müssen wir zu solchen Maßnahmen greifen, um unseren Kindern zu helfen."

Bodenschätze gehen vor Bildung

Der Wirtschaftswissenschaftler Atanu Dey erklärt der Nachrichtenwebsite Quartz.com den Grund für dieses Problem: der Bundesstaat Bihar hat viele Bodenschätze, weshalb Bildung für die korrupte Regierung keine Priorität habe. "Das nennt man den Fluch der natürlichen Ressourcen", erklärt Dey. "Wer immer am Steuer der Regierung sitzt, kann eine Menge Vermögen abschöpfen."

Städte wie Hongkong oder Singapur seien zum Beispiel deshalb so bildungsaffin, weil sie keine natürlichen Ressourcen hätten. Deshalb muss der Staat in seine Bevölkerung investieren, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Die alles entscheidenden Testergebnisse

Der weitere Bildungsweg indischer Kinder hängt stark von diesen Tests ab. Nur wer den standardisierten Test der 10. Klasse besteht, darf in die gymnasiale Oberstufe aufrücken. Weil die Regierung so wenig in Bildung investiert, gibt es dort nur eine begrenzte Zahl an Plätzen.

Und die renommiertesten Universitäten in Indien nehmen nur einen Bruchteil der Bewerber auf. Das bedeutet für die Schüler einen immensen Druck, den Test nicht nur gut zu bestehen, sondern das beste Testergebnis abzuliefern.

Bestechliche Polizisten schauen weg

In den örtlichen Zeitungen wurden Dutzende Fotos abgedruckt von Eltern und Verwandten, die ihren Kindern beim Betrügen helfen - auch wenn sie dabei ihre eigene Gesundheit oder gar ihr Leben aufs Spiel setzen.

Einige Fotos zeigen sogar Polizisten, wie sie Bestechungen annehmen, um das Geschehen zu ignorieren. Ein Zeuge beobachtete, wie bei einer Durchsuchung am Mittwoch so viele Spickzettel beschlagnahmt wurden, dass für den Abtransport neun Säcke nötig waren