Soziale Medien an Schweizer Schulen Lesen, Rechnen, Facebook

Kinder und Jugendliche beherrschen soziale Medien besser als die meisten Erwachsenen. Doch viele können die Tragweite ihrer Handlungen im Netz nicht abschätzen. Die Schweiz will Facebook & Co. deshalb zum festen Schulfach machen - auch gegen Bedenken von Lehrern.

Von Wolfgang Koydl, Zürich

Eine erfahrene Lehrkraft sollte ja eigentlich nichts so leicht erschüttern, aber diese Anfrage brachte den Pädagogen doch leicht aus dem Gleichgewicht. Ein Schüler fand seinen Unterricht so gut, dass er ihn mit dem Handy aufzeichnen und irgendwo posten wollte. Was den Pädagogen am meisten irritierte, war das Alter des hoffnungsvollen Jungfilmers: Der junge Mann war gerade mal sieben.

Dass schon Kleinkinder die Werkzeuge digitaler Medien virtuos beherrschen, ist eine Binsenweisheit. Nicht minder bekannt ist freilich die Erkenntnis, dass ihre Ausflüge in die virtuelle Welt von Facebook & Co. mitunter enden wie die Wanderung von Hänsel und Gretel im dunklen Wald: in Tränen und Tragödien. In der Schweiz soll deshalb künftig schon Primarschülern Medienkompetenz gelehrt werden - als Lernziel oder eigenes Fach.

"Das ist so elementar wie Lesen, Schreiben und Rechnen und muss schon ab der ersten Klasse als eigenständiges Schulfach unterrichtet werden", sagt Irene Heimgartner von der Schweizer Kinder- und Jugendorganisation Pro Juventute. Es sei "zu wenig verbindlich", wenn man den verantwortungsvollen und sicheren Umgang mit sozialen Netzwerken nur als Empfehlung in Lehrplänen verankere: "Dann ist es davon abhängig, wie befähigt sich der einzelne Lehrer fühlt."

Gefahren von Facebook werden zum Unterrichtsthema

Als solches Lernziel steht Medienkompetenz erstmals im Entwurf des neuen Lehrplans 21, der für alle 21 Kantone mit deutschsprachigem Schulunterricht gelten und nun landesweit diskutiert werden soll. Demnach sollen sich Schüler "in medialen Welten und virtuellen Lebensräumen orientieren" können. Sie sollen lernen, digitale Medien "gezielt für persönliche Bedürfnisse, zur Informationsbeschaffung und zum Lernen" auszuwählen und zu nutzen. Und sie sollen "eigene Gedanken, Meinungen und Erfahrungen selbstbestimmt, reflektiert, kreativ und sozial verantwortlich" verfassen können.

Konkret heißt das, dass Lehrer künftig auch die Gefahren von sozialen Netzwerken thematisieren. "Es geht beispielsweise darum, dass Schülerinnen und Schüler lernen, welche Daten sie im Internet ohne Probleme preisgeben können, und warum es problematisch ist, eigene Bilder, Telefonnummern oder Adressen beim Chatten anzugeben", sagte Beat Zemp, der Präsident des Schweizer Lehrerverbandes in der Zeitung Sonntagsblick. Auch Cybermobbing soll behandelt werden: "Wer andere im Internet beschimpft, bloßstellt oder beschuldigt, muss wissen, dass dies unter Umständen strafrechtliche Folgen haben kann", sagte Zemp.

Angesichts der Forderung von Pro Juventute nach einem Schulfach Facebook gibt es Verunsicherung bei solchen Lehrkräften, die selbst nicht besonders netzgewandt sind. Heimgartner betont aber, dass niemand diesen Pädagogen Vorwürfe mache. Sollte Medienkompetenz fester Bestandteil des Lehrplans werden, bräuchten diese Lehrer fachliche Unterstützung.

Dabei geht es nicht um die technischen Kenntnisse und Fertigkeiten. Hier sind Kinder Erwachsenen im Allgemeinen sowieso um Längen voraus, wie Beat Döbeli Honegger von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz beobachtet hat. "Aber", so der Experte in der Neuen Luzerner Zeitung, "als Erwachsene haben Lehrpersonen einen großen Vorsprung im Bereich Lebenserfahrung."

Anm. d. Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es fälschlicherweise, Beat Döbeli Honegger sei an der Pädagogischen Hochschule Zürich angestellt. Wir bitten dies zu entschuldigen.