Sorgentelefon für Studenten Nummern gegen Kummer

Bei Liebeskummer, Prüfungsstress oder Ärger mit den Eltern kann ein Anruf bei der Nightline helfen - einem Sorgentelefon von Studenten für Studenten.

(Foto: dpa-tmn)

Prüfungsstress und Leistungsdruck: Immer mehr Studenten wissen nicht mehr weiter und suchen Rat beim Sorgentelefon. Dort antwortet kein Psychologe - sondern ein Student.

Die Arbeit bei der studentischen Telefonseelsorge ist für Marie Wagner (Name geändert) auch nach zwei Jahren noch eine Herausforderung. Sie ist eine von 38 Mitarbeitern der Nightline in Konstanz - einem Sorgentelefon von Studenten für Studenten. "Wir üben zwar in Schulungen, wie ein Anruf ablaufen kann", erzählt sie. Doch als zum ersten Mal in der Realität jemand am Telefon weint, ist Wagner überwältigt. Was in der Schulung noch machbar schien, jagte ihr in der Realität einen riesigen Schrecken ein. Auch wenn ihr vieles inzwischen leichter fällt: "Auch nach zwei Jahren bin ich nach jedem Anruf wieder glücklich, wenn ich alles gut hinbekommen habe."

Die Nightline Konstanz ist eines von 14 Sorgentelefonen von Studenten für Studenten in Deutschland. An fünf Tagen in der Woche kann man in Konstanz anrufen - immer von 21.00 bis 1.00 Uhr. Egal, ob Stress im Studium, in der Liebe oder mit den Eltern: Bei Kummer jeglicher Art können Studenten sich hierhin wenden.

"Wir sind stolz darauf, dass mittlerweile jeder fünfte Student in einer Stadt studiert, in der es eine Nightline gibt", sagt Christina Korntreff von der Nightline-Stiftung. Die Idee dahinter ist simpel: "Manchmal fällt es leichter, sich mit seinen Problemen einem Fremden anzuvertrauen, der nicht über einen urteilt, sondern einfach nur zuhört", erzählt Korntreff. Außerdem sei bei vielen Studenten die Hemmschwelle groß, in die psychologische Beratung der Studentenwerke zu gehen, sagt Wagner. Vielen sei das schon zu offiziell. Anonym am Telefon über die eigenen Probleme zu sprechen, falle vielen leichter.

Anteil der Antidepressiva-Verschreibungen gestiegen

Studien zeigen, dass immer mehr Studenten Hilfe wegen psychischer Probleme in Anspruch nehmen. Das belegt etwa der Gesundheitsreport 2011 der Techniker Krankenkasse. Demnach erhielten im Jahr 2010 gut fünf Prozent der Studentinnen und knapp drei Prozent der Studenten Antidepressiva. Insgesamt ist der Anteil damit seit 2006 um 44 Prozent gestiegen. Außerdem suchten 2010 rund 26.000 Studenten Hilfe in den psychologischen Beratungen der Studentenwerke - das sind 14 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Die Anrufer bei der Nightline rufen wegen ganz unterschiedlicher Themen an: Manche suchten nur eine Info, etwa die Öffnungszeiten des AStA-Büros, sagt Wagner. Diese Anrufe dauern nicht mehr als zehn Minuten. Andere dagegen seien von ihrem Partner verlassen worden oder spielten mit dem Gedanken, ihr Studium abzubrechen. Da hängt sie dann auch schon einmal drei Stunden am Telefon. "In so einem Fall spielen wir gedanklich gemeinsam durch, wie es sich anfühlen würde, das Studium abzubrechen", erzählt Wagner. So würde dem Anrufer oft schon klar, ob er das Fach nur seinen Eltern zuliebe studiert - oder ob das Fach zwar lernintensiv ist, ihm aber Spaß macht. Dabei hören die Nightliner genau zu. Sie erteilen aber keine Ratschläge. "Für eine Beratung sind die Studenten, die die Anrufe entgegennehmen, auch gar nicht qualifiziert", sagt Korntreff.

Studenten aus den verschiedensten Fachrichtungen als Berater

Psychologen, Physiker, Literaturwissenschaftler, Juristen, Politologen und sogar Elektrotechniker: Bei der Nightline Konstanz sind Studenten aus den verschiedensten Fachrichtungen und Fachsemestern als Berater dabei. "Psychologisches Vorwissen brauche man nicht", sagt Wagner. Alle Studenten nehmen zur Vorbereitung an Schulungen mit Psychologen und professionellen Telefonseelsorgern teil. Im Anschluss haben sie regelmäßig Supervisionen, in denen sie die Telefongespräche reflektieren.

Pro Schicht sind immer zwei Mitarbeiter im Einsatz. "Manchmal gehen einem die Gespräche sehr nahe, dann ist es gut, nach dem Auflegen selbst mit jemandem sprechen zu können", sagt Marie. Darüber sprechen, was das für Fälle waren, will sie nicht: Denn niemand soll seine Geschichte hinterher in der Zeitung wiederfinden müssen. Einmal hat Wagner das Gespräch mit einem Anrufer auch abgebrochen: "Es ist einmal vorgekommen, dass ein Anrufer beleidigend und sexistisch wurde", erzählt sie. In dem Fall wollte sie ihm nicht weiter zuhören. "Ich habe ihm dann gesagt, dass ich unter diesen Umständen das Gespräch nicht weiterführen möchte." Der Anrufer habe das dann zum Glück akzeptiert.

Doch warum ist das Sorgentelefon für Studenten eigentlich immer nachts besetzt? "In dieser Zeit fühlen sich viele besonders einsam", sagt Korntreff. Freunde oder Familienmitglieder wollten die meisten so spät aber nicht mehr stören. In so einer Situation sind viele dann froh über das anonyme Sorgentelefon.