Singapur "Wenn du in der Schule nichts leistest, verspielst du deine Zukunft"

Im Zoo von Singapur lernen Grundschüler auch alles über die Dinosaurier - in diesem Fall auf sehr anschauliche Weise.

(Foto: Wallace Woon/dpa)

Nicht nur in der Pisa-Studie, auch in anderen internationalen Vergleichen schneiden Schüler aus Singapur regelmäßig als die Besten ab. Wie geht das?

Von Arne Perras

Später Nachmittag im "Beauty World Centre": Nelly und ihre Mutter kommen die Rolltreppe herunter. Sie eilen vorbei an einer Imbiss-Bar, die Laksa serviert, Singapurs Nationalgericht. Auf den vier Etagen des Einkaufszentrums reihen sich kleine Geschäfte wie Bienenwaben aneinander. Und überall laufen Eltern mit ihren Kindern durch die Gänge. Die meisten sind nicht zum Einkaufen gekommen. Sie haben jetzt auch keine Zeit, um scharfe Nudelsuppe zu löffeln. Nelly und ihre Mutter steuern auf das "Squirrel Learning Centre" im Untergeschoss zu. Dort wird die Neunjährige von ihrem Privatlehrer erwartet. Ihr Schulpensum hat das Mädchen für diesen Tag geschafft. Aber eine Extra-Sitzung Englisch kommt jetzt noch oben drauf.

Viele singapurische Eltern schicken ihre Kinder zur "Tuition" oder zum "Coaching". Mit Nachhilfe, wie man sie in Deutschland kennt, ist dieses System nur unzureichend beschrieben. Außerhalb der Schulen hat sich hier ein weitverzweigtes Paralleluniversum des Lernens entwickelt. Die Zentren heißen "Aspire Hub", "Mindlab" oder "Ignite". Große Schilder werben für die Zentren an jeder Ecke.

Singapur und seine Schüler wecken weltweites Interesse, seitdem sie in internationalen Schulvergleichen regelmäßig als die Besten abschneiden. Im Dezember kamen die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie heraus, die Leistungen in den Naturwissenschaften, in Mathematik und im Leseverständnis bewertete: Der Spitzenreiter in allen drei Bereichen: Singapur. Wie lassen sich diese Erfolge erklären? Haben sie vielleicht mit den Tutoren zu tun? Oder gibt es dafür ganz andere Gründe? Wer im Stadtstaat nach Antworten sucht, trifft Schüler und Lehrer, Bürokraten und Professoren. Und natürlich Eltern, die Einblick geben in den Alltag ihrer Familien.

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Zum Beispiel Nelia Yong, 43 Jahre, langes schwarzes Haar, kräftiges Make-up. Ihre Tochter Nelly hat sie pünktlich um fünf Uhr zum Tutor gebracht. Während das Mädchen lernt, hat Yong im Nebenzimmer Zeit zu erzählen. Aber zunächst möchte man doch wissen: Machen die Pisa-Ergebnisse die Singapurerin eigentlich stolz? "Als Mutter ist das zumindest ein beruhigendes Gefühl", sagt Yong. "Unsere Schulen scheinen doch vieles richtig zu machen."

Und die Eltern? "Nun ja", sagt Nellys Mutter, "ganz sicher ist es so, dass wir sehr viel von unseren Kindern erwarten." Natürlich kennt sie den schon etwas älteren Bestseller der US-Juraprofessorin Amy Chua, die beschreibt, wie sie ihre Töchter gedrillt hat. Und weshalb man Kinder gar nicht genug fordern könne, um ihnen Gutes zu tun. Findet sich Yong in dieser Rolle der "Tiger Mom" wieder? "Oh", sagt die Mutter etwas erschrocken und wiederholt die Frage: "Bin ich eine Tiger Mom? Ich nehme an, man könnte es so sagen. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich will gar keine sein."

Wöchentich kommen bis zu fünf Privatlehrer ins Haus

Yong spricht nun viel vom "sozialen Druck", der auf ihr und Nelly laste. "Nachbarn, Freunde, Verwandte, ständig wollen alle wissen, welche Noten meine Tochter heimbringt." Und sie muss sich ja nur umsehen in ihrer Wohnanlage im Westen der Stadt, wo Familien aus aller Welt leben. Amerikaner, Inder, Australier, Schweizer, Deutsche. Blickt sie aus dem Fenster hinunter in den Pool, spielen dort fast nur die Kinder der anderen Nationen. "Unsere Kids sitzen am Schreibtisch."

Womit man wieder bei den Tutoren angelangt ist. Zu den Kindern mancher Nachbarn kämen wöchentlich bis zu fünf Privatlehrer ins Haus, erzählt die Mutter. Und wenn sie die Nachbarskinder doch mal im Wasser entdeckt, dann nie ohne Schwimmlehrer. Kraulen, Rücken, Brust. Planschen können die anderen.