Sexuelle Vielfalt als Schulthema "Wir haben keinen Bekehrungsauftrag"

"Wenn man Schülern erklärt, was Homophobie bedeutet, sagen die meisten: 'Klar, das gibt es bei uns!'", sagt Frank Pohl, Projektkoordinator von "Schule der Vielfalt". (Symbolbild)

In Baden-Württemberg wird erbittert darüber gestritten, inwieweit alternative Liebesformen Unterrichtsthema sein dürfen. In NRW ist zumindest die Politik schon weiter: Seit 2012 unterstützt das Schulministerium ein Projekt gegen Homophobie - doch nur sieben Schulen machen bislang mit.

Von Johanna Bruckner und Kathrin Haimerl

Im Herzen ist Baden-Württemberg eben doch ein erzkonservatives, reaktionäres Bundesland. Dieser Eindruck drängt sich angesichts der Diskussion auf, die im Ländle derzeit lebhaft bis erbittert geführt wird. Es geht darum, inwieweit die Themen Homosexualität und Transgender im Schulunterricht behandelt werden sollen. Der Widerstand gegen Pläne der grün-roten Landesregierung, alternative Liebes- und Lebensformen künftig fächerübergreifend zu thematisieren, scheint groß zu sein. Mehr als 113.000 Unterstützer hat die Online-Petition "Zukunft - Verantwortung - Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens" seit November bis heute gesammelt. Die CDU-Führung zeigt sich solidarisch mit den Skeptikern eines Sex-Toleranz-Unterrichts. Und anderswo?

Während in Baden-Württemberg heftig debattiert wird, haben sich die Kultusministerien anderer Bundesländer in den vergangenen Tagen überwiegend einmütig geäußert: Bei uns ist das Thema kein großes Thema - und damit auch kein Problem. Wobei hinter dem Konsens natürlich eine durchaus vielfältige Verankerung und Ausgestaltung steckt - und das Problembewusstsein innerhalb eines Bundeslandes auch abweichen kann. So hält Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) die bisherige Vermittlung des Themas Homosexualität eingebettet in die Werteerziehung für ausreichend. Dagegen sagte die Grünen-Abgeordnete Claudia Stamm: "Bayern ist in diesem Punkt Entwicklungsland."

Vorbildlich in Sachen schulische Toleranzlehre scheint auf den ersten Blick Nordrhein-Westfalen zu agieren. Dort existieren bereits seit 1999 "Richtlinien für die Sexualerziehung", die im Schulgesetz festgeschrieben sind. Dort heißt es explizit:

Die Sexualerziehung dient der Förderung der Akzeptanz unter allen Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Identität und den damit verbundenen Beziehungen und Lebensweisen.

Sieben von 6000

Seit 2012 unterstützt das Schulministerium von Ministerin Sylvia Löhrmann (Die Grünen) außerdem das Antidiskriminierungsprojekt "Schule der Vielfalt - Schule ohne Homophobie". Doch trotz der prominenten Unterstützung sei es nach wie vor schwierig, Kooperationspartner zu gewinnen, sagt Landeskoordinator Frank G. Pohl. Mehr als 6000 Schulen gibt es in NRW, 300 Schulleitungen hat Pohl im vergangenen Jahr angesprochen - "aktuell arbeiten wir mit sieben Schulen zusammen." Die niedrige Zahl hat wohl weniger mit einer generellen Projektunlust als vielmehr dem Thema zu tun: Zum Vergleich nennt Pohl 350 Projektschulen in NRW zum Thema Rassismus.

Damit eine Zusammenarbeit zustande kommen kann, braucht es die Zustimmung der Schulkonferenz, in der Lehrer, Eltern und Schüler vertreten sind. Neben fehlenden Personalressourcen sieht Pohl vor allem zwei Gründe für die ablehnende Haltung der Bildungsinstitutionen. Zum einen löse das Thema Sexualität im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen immer noch einen schambedingten Abwehrmechanismus aus - auch bei Schulen. "Viele sind froh, wenn sie die Sexualerziehung an externe Einrichtungen wie Pro Familia abgeben können." Sexualität in jedweder Form werde allzu oft auf die biologischen Aspekte reduziert. "Dabei wird vernachlässigt, dass es um Beziehungen, Partnerschaft und Lebensentwürfe geht."

Tatsächlich sind Lehrer mitunter schlicht überfordert, wenn sie mit dem konfrontiert werden, was ihre Schüler über Sexualität und Homosexualität gehört und gesehen haben. Heide Knödler, 65, Bio-Lehrerin an einem baden-württembergischen Gymnasium berichtet von einer jungen Kollegin, die sich für eine Lehreinheit in Sexualkunde lieber Hilfe von außen geholt habe. "Heutzutage werden schon im Nachmittagsfernsehen alle möglichen Sexualpraktiken thematisiert. Da kommt die Sprache im Unterricht ganz schnell auf Analverkehr - und dann wollen die Schüler das aber in allen Details wissen", berichtet Knödler.