Schulreform Mehr Platz für Polens Helden

Der Protest in den Straßen Warschaus im November war vergeblich: Die PiS-Regierung hat ihre Schulreform gegen alle Widerstände durchgesetzt.

(Foto: Janek Skarzynski/AFP)

Die nationalpopulistische Regierung in Warschau baut das Schulsystem nach ihrem Weltbild um. Vaterländische Kultur und patriotische Werte verdrängen im Lehrplan Toleranz und Vielfalt.

Von Florian Hassel

Elżbieta Pros hat als Lehrerin einige Wandlungen polnischer Schulen mitgemacht. Aber eine Reform wie die, die an Polens Schulen zum Schulbeginn am 4. September in Kraft trat, hat Pros in 26 Jahren als Lehrerin noch nicht erlebt. "Die Lehrer sind nicht vorbereitet. Die Eltern sind nicht vorbereitet. Die Kinder sind nicht vorbereitet. Die Lehrbücher sind nicht da. Es ist das reine Chaos", sagt Pros, eine 47 Jahre alte Polnischlehrerin im 65 000-Einwohner-Städtchen Chelm, 220 Kilometer südöstlich von Warschau.

Pros und die rund 80 Lehrerkollegen und 500 Schüler an ihrer Schule erleben eine Reform, die die von der nationalpopulistischen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) geführte Regierung gegen den Willen betroffener Lehrer, Eltern und vieler Fachleute binnen eines Jahres erdacht und durchgeführt hat. Kern der Reform: 7684 Gymnasien - Polens von der 7. bis zur 9. Klasse führende Mittelschulen, an denen rund eine Million Kinder lernen - wurden aufgelöst oder mit bestehenden Grundschulen zusammengelegt. Künftig gehen Polens Kinder wieder wie zu kommunistischer Zeit acht Jahre in die Grundschule. Von dort sollen sie künftig direkt auf eine Oberstufenschule (Lyzeum) oder eine Berufsschule (Technikum) gehen, um das Abitur zu machen. Auch das Gymnasium von Lehrerin Pros ist nun eine Grundschule.

Schätzungen des Lehrerverbands ZNP zufolge wird die Reform 10 000 Gymnasiallehrer den Job kosten. Doch nicht nur deshalb ist der Widerstand groß. Es gibt guten Grund für die Annahme, dass es der PiS-Regierung vor allem darum geht, Polens Kinder früher und länger auf ihre gesellschaftlichen Ideale auszurichten.

Die PiS begründet die radikale Reform mit besserem Lernen und mehr Sicherheit. Der Wechsel von der Grundschule auf ein Gymnasium habe zu schlechteren Leistungen und mehr Gewalt an den Schulen geführt. Belege dafür fehlen. "Natürlich ist nie alles ideal, aber die Gymnasien haben sich bewährt", sagt Polnischlehrerin Pros. "Unsere Schüler sind besser geworden, nicht schlechter."

So sieht das auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD). Seit Einführung der Gymnasien 1999 sind polnische Schüler in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften kontinuierlich besser geworden, ergeben die seit 2000 erhobenen internationalen Pisa-Leistungsvergleiche unter 15 Jahre alten Schülern (dem Abschlussalter polnischer Gymnasien). Polen gehört zu den fünf von 70 Ländern, deren Schüler über Jahre in allen Disziplinen dramatisch aufgeholt haben, stellte die Weltbank schon 2013 fest.

"Die EU konzentrierte sich in ihren Bildungsprogrammen auf Mathematik, Informatik und Fremdsprachenkenntnisse", behauptete Bildungsministerin Anna Zalewska im Radio Tok FM. "Wir fügen zwei (Themen) hinzu: Jeder Schüler soll die vaterländische Literatur und Kultur kennen... Die zweite wichtige Kompetenz polnischer Staatsbürger ist die gute Kenntnis der Geschichte des eigenen Landes, weil das Gefühl der Volkszugehörigkeit Sicherheit in der Welt gibt." In den Lehrplänen wird der Anteil an Fremdsprachen und Naturwissenschaften gekürzt, der an polnischer Literatur und Geschichte erhöht. "Mehr Geschichte in der Schule" - mit diesem Slogan wirbt das Bildungsministerium auf Youtube für seine Reform.

Doch die Geschichte, die künftig unterrichtet werden soll, unterscheidet sich deutlich von dem bisherigen Modell. "Die Lehrbücher, die innerhalb von wenigen Monaten mit der heißen Nadel gestrickt wurden, sind noch gar nicht da - aber die zugrunde liegenden Lehrpläne", sagt Artur Sierawski, Geschichtslehrer an der Grundschule Nummer 12 im Warschauer Stadtteil Śródmieście. "Wir sollen in jeder Epoche der Geschichte nicht mehr andere Länder, sondern Polen ins Zentrum stellen. Wir sollen vor allem die polnischen Helden präsentieren und uns auf die schönen Seiten unserer Geschichte konzentrieren. Pogrome, Morde an Juden wie in Jedwabne - das wird alles keinen Platz mehr haben oder bestenfalls am Rand erwähnt werden. Jahrelang haben wir Polen für freie Schulen gekämpft - jetzt werden die Schulen wieder ideologisiert."

Andere sexuelle Orientierungen als die heterosexuelle? Kommen künftig nicht mehr vor

Mehr polnische Helden oder Romane über Polens Kämpfe gegen seine Feinde sind nicht der einzige Wandel. "Computerunterricht und Informationen darüber, wie man im Internet Informationen sammelt und wovor man sich schützen muss, sollen künftig nicht praktisch gezeigt, sondern mündlich erzählt werden", sagt Polnischlehrerin Pros. "Insgesamt sollen wir mehr Auswendiglernen vermitteln. Und die zentrale Kontrolle durch Warschau nimmt zu." Die Fremdsprachenlehrerin Dorota Łoboda, Vorsitzende der Bürgergruppe Eltern gegen die Schulreform stellt weitere Wechsel fest. "Erziehung zu Toleranz und gegen Diskriminierung ist im neuen Lehrplan nicht mehr verpflichtend." Der wissenschaftliche Rat des Historischen Instituts der Universität Warschau beklagte, es werde künftig auf "staatsbürgerliches Engagement, gesellschaftliche Höflichkeit, Toleranz für entgegengesetzte Meinungen, Verhaltensweisen, Sitten und Überzeugungen" verzichtet. Polen verbucht in zwei Jahren PiS-Regierung Umfragen zufolge bereits einen spürbaren Rückgang an Toleranz.

Auch Sexualkunde, angesichts des Einflusses der oft tiefkonservativen katholischen Kirche in polnischen Klassenzimmern ohnehin ungeliebt, wird es einer Lehrplananalyse der Sexualaufklärerin Agata Kozlowska zufolge noch schwerer als bisher haben. Polens Grundschüler hören künftig "nicht mehr davon, dass es andere sexuelle Orientierungen als die heterosexuelle gibt... Sie lernen auch nicht, dass Sex etwas Schönes und Positives ist - auch Sex außerhalb der Ehe", analysierte Kozlowska in der Gazeta Wyborcza. Insgesamt werde sich die Reformschule à la PiS "mit einem geschlossenen Wissensvorrat begnügen, anstatt Vielfalt und Kreativität zu fördern", befürchtete der ehemalige Bildungsminister Edmund Wittbrodt im Fernsehsender TVN.

Um ihre Reform durchzusetzen, ging die PiS ohne große Beteiligung Betroffener im Hauruckverfahren vor. "In unserer Stadt setzte der Bevollmächtigte des Bildungsministeriums zur Reform eine einzige Anhörung im November 2016 an", sagt Polnischlehrerin Pros. "Das Treffen war auf 12 Uhr mittags angesetzt - zu einer Zeit, wo die meisten Lehrer noch unterrichteten. Das war die gesamte Beteiligung. Danach wurde nur noch die fertige Reform verkündet."

Als der Lehrerverband und Elterngruppen am ersten Schultag am 4. September zum Protest gegen die Reform vor dem Bildungsministerium in Warschau aufrufen, folgen lediglich 400 Lehrer und Eltern dem Aufruf. Die kleine Demonstration bedeutet freilich nicht, dass es keinen massive Ablehnung gäbe. Von Februar bis Juli 2017 sammelten Lehrer und Eltern 910 000 Unterschriften für eine Volksabstimmung über die Schulreform und reichten sie im Juli im Parlament ein. Es waren 410 000 Unterschriften mehr als für die Ansetzung eines Referendums vorgeschrieben. Polens Parlament war nun nach dem Gesetz über Referenden verpflichtet, eine landesweite Volksabstimmung anzusetzen - doch stimmte mit der Mehrheit der PiS-Regierung dagegen. Die Begründung von Ministerpräsidentin Beata Szydło: Die Schulreform sei schon Ende 2016 per Gesetz beschlossen worden, eine Volksabstimmung sei deshalb unmöglich.