Schule Schule fürs Leben - ganz ohne Lehrer

Bewährungsprobe im Ausland: Die Neuntklässler Niklas Mende (vorne), Paul Daamen und Gian-Luca Mattern arbeiteten zweieinhalb Wochen auf einem Campingplatz in den Niederlanden.

(Foto: Privat)

An immer mehr Schulen bekommen Jugendliche Gelegenheit, sich einer persönlichen Herausforderung zu stellen. Eine besondere Erfahrung - auch für viele Eltern.

Von Fabian Busch

Am zweiten Schultag nach den Sommerferien reisten Niklas Mende, Paul Daamen und Gian-Luca Mattern schon wieder in die Ferne. Sie stiegen morgens im südwestfälischen Siegen in den Zug, um in neun Stunden an die niederländische Küste zu fahren. Danach radelten sie drei Stunden bis zu einem Campingplatz, auf dem sie zweieinhalb Wochen lang arbeiten würden. Das Gepäck wog 30 Kilo pro Person. Und dazu kam noch der Respekt vor dem, was vor ihnen lag.

Herausforderung heißt das Schulprojekt, mit dem das Evangelische Gymnasium Siegen-Weidenau seine Neuntklässler ins Leben wirft. Sie bekommen 18 freie Tage und 150 Euro Kapital, um außerhalb der Schule ihre Grenzen zu testen und sich zu beweisen. Mit 14 oder 15 Jahren müssen sie eine Reise wagen oder sich ein aufwendiges Projekt vornehmen, müssen alles selbst planen, dabei auch Rückschläge einstecken. "Im Unterricht können wir das so nicht leisten: Dass sie mal aus der Schule rauskommen, einen Prozess einleiten und begleiten müssen", erklärt die Schulleiterin Beate Brinkmann. Die Schule begegne Jugendlichen in der Pubertät häufig nur mit Druck. "Die Herausforderung bietet uns die Möglichkeit, auch ihrem Freiheitsdrang entgegenzukommen."

"Und jedes Mal hat jemand gesagt: Das schaffst du nicht"

Nezhada und Zahra Lalzad kamen 2011 aus Afghanistan. Ihre Geschichte zeigt, wie abweisend das Bildungssystem gegenüber Flüchtlingen ist. Von Veronika Wulf mehr ...

Welcher Bewährungsprobe sie sich stellen möchten, entscheiden die Schüler selbst. Manche brauchen dabei ein bisschen Hilfe. Ein halbes Schuljahr lang können sie planen, Unterkünfte organisieren, alles durchrechnen. Mit 150 Euro müssen sie in den zweieinhalb Wochen auskommen. "Mit einem Vier-Sterne-Hotel ist da nichts", sagt Lehrer Torsten Heupel, der das Projekt betreut. "Sie müssen Wege suchen, wie sie das hinbekommen."

Deswegen beschlossen Niklas Mende und seine Mitschüler, dass sie auf dem niederländischen Campingplatz arbeiten. Sie mähten dort den Rasen, pumpten Regenpfützen leer, halfen beim Stutzen der Hecken. Ungewohnt waren nicht nur die eintönige körperliche Arbeit, die fremde Sprache, die lange Zeit ohne die Familie. Plötzlich mussten sie auch ihren Tag selbst organisieren. "Ich war es gewohnt, dass ich zu Hause geweckt werde und mittags das Essen auf dem Tisch steht", erzählt Niklas Mende. Auf dem Campingplatz mussten die Schüler selbst für ihre Verpflegung sorgen. Abends landeten abwechselnd Reis mit Fleisch und Nudeln mit Fleisch auf den Tellern. "Das war ganz schön langweilig."

Kloster und Altenheim

Die meisten Teilnehmer entscheiden sich, ihre Prüfung zu zweit oder dritt zu meistern. Marit Lorenz und Jessica Born zum Beispiel konnten sich gut vorstellen, dass Verzicht und eiserne Disziplin Herausforderungen für sie sein würden. Also fuhren sie nach München, wo sie 18 Tage im Benediktinerinnen-Kloster verbrachten. Ohne Fernsehen, ohne Internet. Sie mussten früh aufstehen, viel beten, putzen, in der Küche helfen.

Florian Daub und Johannes Bender zog es an die Ostsee. In Timmendorfer Strand machten sie ein Praktikum in einem Altenheim, halfen den Bewohnern beim Anziehen, den Pflegern beim Bettenmachen. Keine alltäglichen Erfahrungen für Jungen in dem Alter. Am vorletzten Arbeitstag beugte sich eine blinde Bewohnerin zu Florian Daub und sagte weinend, dass sie gerne sterben würde. Ein Moment, den er so schnell nicht vergessen wird. "Für uns war es neu, so direkt mit dem Tod in Berührung zu kommen."