Schule Marie bekommt bessere Noten als Chantal

Zensuren gibt es in Bayern erstmals am Ende der zweiten Klasse. Ähnliche Projekte laufen in vielen Bundesländern, zumindest zu Beginn der Schulkarriere wird fast überall auf Noten verzichtet. Gerade erst hat Brandenburg entschieden, Erst- und Zweitklässler verpflichtend nicht mehr zu benoten.

Dass die Zensuren von eins bis sechs Vergleichbarkeit oft vorgaukeln und nicht gewährleisten, ist in der Forschung längst bekannt. Studien zeigen, dass die Note von der Laune des Lehrers beim Beurteilen der Klassenarbeit, der Sympathie gegenüber dem Schüler und vielen anderen Kriterien abhängen kann. Selbst der Vorname des Kindes kann eine Rolle spielen: Eine Untersuchung der Uni Oldenburg zeigte, dass Lehrkräfte zum Beispiel Mädchen mit dem Namen Marie positiver wahrnahmen als Klassenkameradinnen namens Chantal.

"Schulischer Erfolg hängt auch von den Eltern ab"

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Warum also nicht einfach auf Noten verzichten, wenn persönliche Gespräche mit Zielvereinbarung offenbar sinnvoller sind? Erstens, weil das deutsche Schulsystem gegliedert ist und Kinder früher oder später in Schularten sortieren will. Gegen diese Segregation gibt es viele Argumente - solange sich das System aber nicht grundlegend verändert, werden Noten dafür notwendig sein. Und zweitens, weil sich die meisten Eltern und Kinder langfristig Zensuren wünschen.

"Die Zweitklässler sind ganz scharf auf Noten und fragen schon früh im Schuljahr, welcher Note diese oder jene Leistung entsprechen würde", sagt Grundschullehrerin Nicole Sölch. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im vergangenen Jahr erklärten etwa drei Viertel der Teilnehmer, dass sie Schulnoten sinnvoll finden. Auch Heinz-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Philologenverbands, ist strikt gegen die Abschaffung von Noten. Das suggeriere den Betroffenen, auch ohne vergleichende Leistungsbewertung und ohne das Erreichen von Standards könne man in der Schule und damit letztlich später auch im Leben erfolgreich sein. Subtext: Alles andere ist Kuschelpädagogik.

Warum sich Leistung in den höheren Klassen nur anhand einer Zahl und nicht auch im Zwiegespräch zwischen Lehrer und Schüler plus individuellem Gutachten bestimmen lässt, sagt Meidinger nicht. Die Option Lernentwicklungsgespräch wird also für den Moment auf die Grundschulen beschränkt bleiben. Das bayerische Kultusministerium hält Lernentwicklungsgespräche an Gymnasien oder Realschulen sowieso für "kaum realisierbar". Die Klassen würden einfach von zu vielen verschiedenen Lehrern unterrichtet.

Liebenden Großeltern wird das vermutlich ohnehin egal sein.