Schule Wenn Abistreiche eskalieren

Spaßkultur anno 1969: Schülerin Uschi Glas setzt in "Klassenkeile" ihrer Lehrerin (Inge Wolffberg) mit Mäusen zu.

(Foto: imago)

In Köln muss bei mehreren Feiern unter Gymnasiasten die Polizei eingreifen. Abschlussfeiern, die zu Randale werden - war das schon immer so?

Von Kristiana Ludwig

Die Schlacht entschieden weder Wasserpistolen noch Klopapier. Schlagstöcke und Pfefferspray setzten am Wochenende einer Abiturfeier in Köln ein Ende. Am Freitagabend hatten Nachbarn im Stadtteil Ehrenfeld die Polizei gerufen, weil feiernde Schüler ihre Nachtruhe störten. Doch die etwa 60 Abiturienten ließen sich von den Beamten kaum beeindrucken, berichteten diese später: Erst hätten Jugendliche die Polizisten beschimpft, später versucht, ihre Mitschüler wieder aus deren Griff zu lösen. "Gefangenenbefreiung", heißt das im Amtsdeutsch. Es waren 70 Polizisten im Einsatz, einer erlitt einen Knöchelbruch. "Heftig": So beschrieb ein Polizeisprecher die Auseinandersetzung.

Woher kommt diese Lust am Exzess? Was ist aus den heiter-harmlosen Streichen geworden, die seit Jahrzehnten zur deutschen Gymnasialfolklore gehören? Wer das Abi besteht, darf das mit Schabernack feiern: So lehren es schon die sepiafarbenen TV-Komödien der Sechziger. Aber Polizei-Großeinsätze mit Pfefferspray?

"Mottowoche" heißt das, was in Nordrhein-Westfalen derzeit an vielen Gymnasien läuft. Die Abiturienten kommen kostümiert zur Schule, organisieren Abschlussfeiern und eben besagte Abistreiche. In Köln sind die Scherze in diesem Jahr früh eskaliert. Während gegen die Ehrenfelder Schüler noch wegen Straftaten wie Landfriedensbruch ermittelt wird, haben in der Nacht zu Montag Streiche von mindestens 15 weiteren Schülergruppen zu Polizeieinsätzen geführt. Abiturienten verfeuerten Pyrotechnik, beschmierten ihre Schulen mit Farbe und prügelten sich.

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Der Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Philologenverbands, Peter Silbernagel, beobachtet die Entwicklung seit Jahren mit Sorge: "Das ist alles andere als ein Ausdruck dafür, dass jemand mit dem Abitur auch eine Reife erworben hat." Er appelliere an die Lehrer, schon früh mit den Oberstufen über die Streiche zu sprechen.

Ob's hilft? Der Trend hin zu derben Späßen lässt sich vielerorts beobachten. In einem Münchner Gymnasium holten Schüler jüngst zwei Stripper in die Aula. In Bochum hielten Abiturienten Autos an und ließen sich umherkutschieren, in Witten richteten sie Waffenattrappen auf Fußgänger - bis die Polizei kam.

Trotzdem wäre es verfrüht, von einem Sittenverfall zu sprechen. Rebellische Schüler, Ablehnung von Autoritäten und geschmacklose Streiche sind nichts Neues - das zeigen fünf individuelle Rückblicke von SZ-Autoren aus fünf Abistreich-Jahrzehnten.