Schule Wider den kompetenzversessenen Digitalpakt

Am 20. Juni hat ein "Bündnis für humane Bildung" einen offenen Brief an die Kultusminister adressiert und den "Digitalpakt Schule", für den das Bundesbildungsministerium fünf Milliarden Euro vorgesehen hat, als "Irrweg" bezeichnet. Es würden pro Jahr für jede Schule lediglich etwa 25 000 Euro abfallen, ohne dass klar ist, wer die Folgekosten für Betreuung und Wartung trägt.

Die Verfasser des Briefs nennen etliche empirische Studien, die den Nutzen des digitalisierten Unterrichts belegen sollten, aber diesen Beweis gerade schuldig bleiben: etwa den OECD-Bericht "Students, Computers and Learning" von 2015 oder die Hamburger BYOD-Studie. Auch Erfahrungen in Übersee werden erwähnt: "Letztes Jahr wurden in Australien die für 2,4 Milliarden Dollar angeschafften Laptops wieder eingesammelt, weil die Schüler/-innen alles Mögliche damit gemacht haben - nur nicht gelernt." Und dann ist da die Studie Blikk-Medien, in der Kinderärzte die Folgen früher und starker Nutzung digitaler Medien dokumentieren: eine signifikante Zunahme von Schlaf- und Konzentrationsstörungen, verzögerter Sprachentwicklung, Hyperaktivität und innerer Unruhe.

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Die Frankfurter Kompetenzkonferenz, der offene Brief des Bündnisses für humane Bildung: Sie zeigen, es tut sich was. Es wächst die Zahl derer, die sich die Schrumpfung des Menschen auf eine Verfügungsmasse von Verhaltensweisen nicht länger gefallen lassen wollen, ebenso wenig wie die Degradierung von Lehrern zu Lernbegleitern, zu Anhängseln von Arbeitsblättern oder Computerprogrammen. Es wächst die Rückbesinnung darauf, dass Kompetenzen einem inneren Fundus an- und einwachsen müssen, wenn sie nicht sogleich wieder verfliegen sollen, und dass sich dieser Fundus nicht primär an Maschinen bildet, sondern in der sprachgeleiteten, keineswegs immer nur harmonischen Auseinandersetzung mit Mitmenschen, in der Regel älteren, die jüngeren lebensrelevante Sachverhalte eröffnen - vom Elternhaus an bis weit über die Schulzeit hinaus.

Der dabei entstehende Fundus ist nicht operationalisierbar. Umgekehrt: Alles Operationalisierbare geht aus ihm hervor. Er selbst aber - der innere Niederschlag einer Erlebensvielfalt - macht die Bildung eines Menschen aus. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber in der Digitalgesellschaft muss man so tun, als wäre es die neueste Entdeckung.

Hier drängt es sich auch auf, eine Buchrarität zu erwähnen, die exemplarisch für Rückbesinnung stehen kann. Der Pädagoge Erhard Wiersing hat eine mehr als Tausend Seiten umfassende "Theorie der Bildung" vorgelegt. Sie setzt bei etwas an, was es in den Kompetenzkatalogen gar nicht mehr gibt: der Person. Sie ist für den Autor mehr als das Selbst, das Ich oder die Vernunft, nämlich das Zusammenspiel all dieser Momente: gleichermaßen Bildungsobjekt wie Bildungssubjekt. Die Entwicklung der Person ist zudem immer auch "Fortentwicklung animaler Eigenschaften und Fähigkeiten", weshalb ausgiebig die physische Vorformung erörtert wird, die Menschenkinder immer schon mitbringen, ehe ihre kulturelle Formung beginnt. Die Wiedergabe des aktuellen Wissensstands in Genetik und Neurobiologie gehört zu dieser Bildungstheorie ebenso wie eine gründliche Nachzeichnung des menschlichen Spracherwerbs, eine breit angelegte Aufbereitung der Debatte um die Willensfreiheit und die Herleitung des spezifisch menschlichen Bewusstseins samt seiner kognitiven, moralischen, sozialen und politischen Besonderheiten aus der Freiheitsdimension, die sich in menschlichen Wesen auf singuläre Weise aufgetan hat.

So ist ein Kompendium entstanden, das alle relevanten Aspekte des Bildungsbegriffs berührt und seine Geschichte wachhält. Man kann darin schlecht "googeln". Als Nachschlagewerk für Zusammenhänge ist es jedoch eine Fundgrube. Gegen den kompetenzversessenen Digitalpakt braucht man beides: sowohl die punktuelle öffentlichkeitswirksame Intervention als auch den antizyklischen Theorieentwurf, der sich in aktuelle Bildungsdebatten nicht explizit einmischt, aber gerade dadurch ein Gefühl dafür verschafft, was in diesen Debatten verloren geht. Seine volle Wirkung entfaltet er allerdings nur, wenn man in ihn eintaucht, ohne sich sogleich zu fragen, welche Kompetenzen er denn verschafft.

Christoph Türcke ist Philosoph. Er lehrte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und veröffentlichte zuletzt die Bücher "Mehr! Philosophie des Geldes" (2015) und "Lehrerdämmerung: Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet" (2016).

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