Schule Und raus bist du

Es ist eine Errungenschaft, dass Gewalt heute in Deutschland weitgehend geächtet ist. Doch muss das auch für Kinder gelten?

(Foto: Henri Gerganoff)

Kinder, die prügeln, fliegen immer schneller von der Schule. Dabei wäre es genau dann nötig, an ihnen dranzubleiben. Die Pädagogik kapituliert vor ihrer ureigensten Aufgabe.

Von Christina Berndt

Was die Jungs taten, war wirklich nicht schön. Und Oskar* hatte furchtbare Angst. Eine Droge wollten sie ihm geben, erzählten ihm seine Klassenkameraden aus der 5b eines Gymnasiums im Speckgürtel von Berlin. Eine Droge, um ihn zu betäuben. Damit er nicht mitbekommt, wie er sterben muss. So schwadronierten die Elfjährigen auf ihrer Klassenfahrt im vergangenen Juni, während sie zusammen mit Oskar auf ihren Betten im Schullandheim saßen. Am Anfang fand Oskar das offenbar noch lustig. Doch dann spielten sie immer konkreter verschiedene Szenarien durch, wie der arme Junge ums Leben kommen könnte. Wilde Tiere würden ihn fressen, malten sie sich aus, oder sie könnten Oskar im Wald verbrennen, er würde ja nichts spüren.

Wie nur kamen die Elfjährigen auf solche Grausamkeiten? Mit den Jungs müsste man mal ein ernstes Wörtchen reden, denkt man sich, wenn man die Geschichten hört, die Oskar nach seiner Rückkehr seinen Eltern erzählt hat. Jemand müsste sie fragen, warum sie so gemein zu ihrem Mitschüler waren, ob sie es selbst nicht schrecklich fänden, wenn jemand ihnen das antäte, wie ernst sie das eigentlich meinten und wie sie gedenken, die Sache wiedergutzumachen.

Die Schule aber fragte nicht. Sie wollte die Jungs vor allem loswerden. Der Klassenlehrer hatte sein Urteil ohnehin schon gefällt: Die Schüler hätten "massive Morddrohungen" ausgesprochen, schrieb er in einer E-Mail an die gesamte Elternschaft der Klasse. Oskars Eltern hätten deshalb Anzeige gegen die zwei vermeintlichen Anführer erstattet, und die Schule stehe "voll und ganz" dahinter. Ohne dass die beiden beschuldigten Elfjährigen die Chance hatten, ihre Version der Geschichte zu erzählen, wurden sie aus der Klasse ausgeschlossen. Sie durften vorerst nicht mehr zur Schule kommen.

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Statt darüber zu sprechen, was passiert ist, wird oft schnell und unverhältnismäßig entschieden

Ohnmacht statt Erziehung: Der Fall ist ein erschreckendes Beispiel dafür, dass Lehrer heutzutage allzu leicht vor erzieherischen Herausforderungen kapitulieren. Ihre Angst vor Gewalt in der Schule ist so groß geworden, dass sie paralysiert sind, sobald sie erste Anzeichen davon entdecken. Statt auf ihre pädagogische Kompetenz zu setzen, indem sie sich den Kindern zuwenden und sie anleiten, wie sie künftig andere Ausdrucksformen für ihre Gefühle finden können, greifen sie zu Ordnungsmaßnahmen wie dem Schulverweis, rufen die Polizei oder schalten die Staatsanwaltschaft ein. Bloß weg mit vermeintlich gefährlichen Schülern, damit nicht am Ende noch Schlimmeres passiert!

"Es werden relativ schnell drastische Maßnahmen ergriffen", beklagt Kristin Werschnitzke, die als Kindheitspädagogin an einer Förderschule in Brandenburg arbeitet. "Viele Entscheidungen passieren in einer Hauruck-Aktion. Dabei sollten doch alle zusammen an einem Tisch sitzen und sich die Zeit nehmen und das Geschehene analysieren." Mitunter können nicht einmal jene Lehrer, die auch dann noch ihre pädagogische Chance sehen, wenn ihnen einer ihrer Zöglinge aus Wut die Brille von der Nase geschlagen hat - wie es einmal bei Kristin Werschnitzke der Fall war -, die schnellen Verweise aufhalten: "Als Lehrerin hat man dann keine Möglichkeit mehr, mit dem Kind zu erarbeiten, was da eigentlich passiert ist."

Dabei scheinen Lehrer (und auch Eltern) das Gespür dafür verloren zu haben, welches Ausmaß an Gewalt und Bosheiten unter Kindern schlichtweg normal ist und wo man durchaus noch "erziehen" kann. "Lehrer haben heute nicht mehr die Sicherheit, Autorität und Souveränität, die sie bräuchten", sagt der Sozial- und Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance, einer Privatuniversität in Berlin. "Deshalb greifen sie zu unverhältnismäßigen Sanktionen." Und Nele McElvany, die Leiterin des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund, spricht von einer "allgemeinen Aufgeregtheit" der Lehrer im Angesicht kindlichen Fehlverhaltens: "Was vor zehn Jahren als normales Verhalten wahrgenommen wurde, wird heute oft zu schnell kriminalisiert." Dabei müssten Kinder auch mal Mist bauen dürfen. Nur so könnten sie lernen, wo die Grenze zwischen richtig und falsch liege.

Schon immer haben sich Jungen auf dem Schulhof auf die Nasen gehauen, um ihre körperlichen Grenzen zu erfahren; da gab es Gehässigkeiten erster Güte unter Mädchen, um herauszufinden, wie das eigentlich so funktioniert mit dem sozialen Miteinander. Wenn dabei Blut oder Tränen flossen, bekam man vielleicht einen Eintrag ins Klassenbuch und, wenn es hoch kam, noch ein Gespräch mit dem Rektor. Heute rufen Lehrer und Eltern schnell panisch: Gewalt! Mobbing! Und stempeln Elfjährige zu potenziellen Mördern.