Schule Tausende Lehrer werden über die Sommerferien arbeitslos

Viele Lehrer werden in Deutschland während der Sommerferien arbeitslos.

(Foto: Florian Gaertner/imago/photothek)

Dabei sind Lehrkräfte doch gesucht, vielerorts bleiben Stellen frei. Über ein seltsames Phänomen.

Von Paul Munzinger

Ein Lehramtsstudium ist eine exzellente Versicherung gegen Arbeitslosigkeit - eigentlich. Die Schülerzahlen steigen, Pädagogen werden vielerorts händeringend gesucht, viele Bundesländer können freie Stellen nicht besetzen. Die Arbeitslosenquote bei Lehrern liegt im Jahresschnitt bei 1,3 Prozent, das ist selbst für akademische Berufe äußerst gering, wie die Bundesagentur für Arbeit feststellt. Im Oktober 2017 waren sogar nur 7800 Lehrer arbeitslos gemeldet, bei etwa 800 000 Pädagogen in Deutschland.

Alle Jahre wieder, im Sommer, aber verändert sich dieses Bild: Dann macht die Zahl arbeitsloser Lehrer einen gewaltigen Sprung, um im Herbst, wenn das neue Schuljahr beginnt, wieder abzusinken. In den großen Ferien 2017 meldeten sich 4900 Lehrer zusätzlich bei den Jobcentern - ein vorübergehendes Plus von mehr als 50 Prozent. Lehrerverbände gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl noch höher liegt, sich aber nicht alle Lehrer ohne Job melden. Für dieses Jahr sind noch keine Zahlen verfügbar, das tatsächliche Ausmaß der Sommerarbeitslosigkeit zeigt sich erst im Juli und August. Doch ist wieder mit ähnlichen Werten zu rechnen: Wer von Arbeitslosigkeit bedroht ist, muss sich im Vorfeld bereits arbeitssuchend melden. Diese Zahlen liegen derzeit sogar leicht über dem Wert des Vorjahres.

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Die Ursache für den saisonalen Anstieg der Arbeitslosigkeit, so formuliert es die Bundesagentur für Arbeit, "dürfte in befristet geschlossenen Arbeitsverträgen zu suchen sein". Es handelt sich also vor allem um Lehrer, die kurzfristig für Kollegen einspringen, die wegen Schwangerschaft, Elternzeit oder Krankheit ausfallen. Sie erhalten befristete Verträge, von denen viele die Sommerferien nicht mit einbeziehen. Betroffen sind vor allem junge Lehrer: Im August 2017 waren 61 Prozent der arbeitslos gemeldeten Lehrer an allgemeinbildenden Schulen jünger als 35 Jahre. Angesichts des großen Bedarfs an Lehrern in Deutschland hält Marlis Tepe, Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, diese Praxis für "völlig kontraproduktiv".

Verantwortlich für den Großteil der sommerlichen Zwangspausen - zusammen mehr als 60 Prozent - sind drei Bundesländer: Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen. Allein in Baden-Württemberg meldeten sich im vergangenen Jahr 1680 Lehrer während der großen Ferien arbeitslos. Das entspricht nicht nur fast einem Drittel der bundesweit betroffenen Pädagogen, es umfasst auch 71 Prozent aller über das Jahr arbeitslos gemeldeten Lehrer in Baden-Württemberg. Anders gesagt: Lehrerarbeitslosigkeit ist im Südwesten vor allem eine Sommererscheinung.

In diesem Jahr könnte die Zahl sogar noch steigen: Laut Kultusministerium in Stuttgart enden spätestens mit Beginn der Sommerferien die Arbeitsverträge von 3300 Lehrern. Das Land spare sich dadurch 12,5 Millionen Euro. Den Vorwurf aber, die Lehrer würden ohne Grund in die Arbeitslosigkeit entlassen, weist das Ministerium "in aller Deutlichkeit" zurück: 2000 dieser 3300 erfüllten die Voraussetzung nicht, etwa weil sie die Ausbildung noch nicht abgeschlossen hätten. Etwa 650 seien Pensionäre, die aufgrund des Lehrermangels reaktiviert wurden. Bleiben weitere 650 Fälle. Doch auch unter diesen Lehrern seien laut Ministerium "durchaus auch solche, die sich bewusst für diese Situation entschieden haben" - etwa indem sie eine Stelle an einem Ort ausschlugen, an dem sie nicht arbeiten wollten.

Lehrerverband kritisiert "arbeitnehmerfeindliche Regelungen"

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL), überzeugt das nicht. Er wirft dem Kultusministerium in Stuttgart "Ausbeutung" und "arbeitnehmerfeindliche Regelungen" vor. Baden-Württemberg zähle zu jenen Ländern, die "nach wie vor das "Hire-and-Fire-Prinzip anwenden". Tatsächlich gibt es in Baden-Württemberg keine Stichtagsregelung, wie sie mittlerweile viele andere Bundesländer eingeführt haben. Ein Vertrag schließt dann automatisch den Sommer mit ein, wenn er bis zu einem bestimmten Datum abgeschlossen wurde - in Bayern etwa bis spätestens Mitte Oktober, in Rheinland-Pfalz vom kommenden Jahr an sogar bis 1. März.

Blickt man auf Deutschland als Ganzes, betont Meidinger daher, habe sich die Lage leicht verbessert. Das zeigen auch die Zahlen. Mit 4900 über den Sommer arbeitslos gemeldeten Lehrern fiel die Zahl 2017 geringer aus als in den drei Jahren zuvor. In fünf Ländern gingen die Arbeitslosenmeldungen zurück, in Hessen und Rheinland-Pfalz je um etwa drei Viertel. Meidinger plädiert dennoch dafür, das Problem grundsätzlicher anzugehen: etwa durch die deutliche Aufstockung der mobilen Reserven. So bezeichnet man Lehrer, die einspringen, wo sie gebraucht werden, aber trotzdem einen unbefristeten Arbeitsvertrag haben. Einen, der auch im Sommer gilt.