Schule "Mir als Pädagogen stellen sich die Nackenhaare auf"

Grundschulen wie die jüngst mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnete aus Schüttorf/Niedersachsen setzen unter Aufsicht längst Computer ein.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Zwischen iPad und Kreidetafel: Wie digital soll es an den Schulen künftig zugehen? Ein Streitgespräch.

Von Susanne Klein

Der eine hat Pech mit dem Wetter und der Bahn und kommt viel zu spät. Der andere verschiebt dankenswerterweise seine Rückreise, damit die Zeit zum Reden reicht. Ralf Lankau und Jörg Dräger kennen sich über ihre Publikationen, an diesem Tag in München treffen sie erstmals persönlich aufeinander. Sie sind gekommen, um zu streiten. Das ist ihnen wichtig. Denn es geht um die Digitalisierung der Bildung: Ralf Lankau und Jörg Dräger. Lankau lehrt an der Hochschule Offenburg Mediengestaltung, Dräger verantwortet den Bereich Bildung bei der Bertelsmann-Stiftung. Lankau warnt und mahnt. Dräger will Chancen nutzen.

Fortschrittsfeind gegen Fortschrittsfreund? So einfach ist es nicht. Denn der Kritiker unterrichtet selbst mit digitalen Mitteln, und der Befürworter sorgt sich um den Datenschutz. Als Jörg Dräger das Beispiel niederländischer Steve-Jobs-Schulen anführt, wo Grundschüler ihren Tag mit Tablets planen und mit diesen auch einen Teil des Unterrichtsstoffs lernen, hält Ralf Lankau dagegen: "Mir als Pädagogen stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ein Gerät den Lernablauf diktiert. Weil ich damit die Verantwortung für mein Handeln an Maschinen delegiere." Dahinter stehe ein deterministisches Menschenbild, kritisiert der Hochschullehrer.

Aber es sei doch die Verantwortung des Bildungssystems, Kinder angstfrei auf eine digitale Welt vorzubereiten, argumentiert Dräger: "Die meisten Kinder haben heute ein Smartphone. Die Schule muss ihnen zeigen, wie man es sinnvoll nutzt. Medienkompetent wird man durch Übung, nicht durch Verbote." Lankau dagegen stört schon der Begriff Medienkompetenz - er hält die "Medienmündigkeit" dagegen: "Schon Fünfjährige können diese Geräte bedienen. Aber sind sie deshalb auch medienmündig?" Mit Smartphones zu hantieren, bevor Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen erlernt sind, halte er für falsch.

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Lankau befürchtet zudem, die Digitalisierung der Schule könne aus dem Ruder laufen: "Was passiert, wenn irgendwann alle an Lernstationen sitzen? Wenn sich das Lernbare auf das Abfragbare beschränkt?" Wenn Kinder aus sozial schwachen Familien nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule an die Geräte abgeschoben werden, verstärke das die soziale Spaltung, sagt er. Das sieht Jörg Dräger anders: Der Umgang mit digitalen Medien im Elternhaus sei ja sehr unterschiedlich - die einen spielten nur Ballerspiele, die anderen nutzten eine App zur Leseförderung. Hier müsse die Schule ausgleichen: "Digitale Souveränität darf nicht Kindern aus bestimmten Elternhäusern vorbehalten sein. Schule muss dieser sozialen Spaltung vorbeugen."

Auch über digitale Lehr- und Lernmethoden für Erwachsene streiten der Politiker und der Professor. Während Dräger viel von digitalen Vorlesungen hält, die weltweit verfolgt werden können, bezweifelt Lankau ihren Nutzen, denn akademisches Denken setze ein Studium auf dem Campus voraus, mit Dialog und sozialer Begegnung. Er ist zwar nicht grundsätzlich gegen digitale Lehrmittel an der Universität, warnt jedoch vor einer Gewöhnung an Software, die Kreativität und Selbstverantwortung dadurch einschränkt, dass sie Arbeitswege vorgibt. Dafür hat er Beispiele - seine eigenen Studenten. Typische Digital Natives seien diese angehenden Mediengestalter. Doch bei ihm müssten sie erst mal zeichnen lernen.

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