Schule Jetzt muss wirklich jeder Lehrer werden

Um den Lehrermangel zu bekämpfen, muss die Politik den Beruf attraktiver machen.

(Foto: dpa)

Die Politik hat sich verrechnet: Bis 2025 gibt es in Deutschland eine Million Schüler mehr als gedacht. Wer darunter am meisten zu leiden haben wird, ist ziemlich klar: die Kinder.

Kommentar von Susanne Klein

Für unsere Kinder nur die besten Lehrer - es ist noch gar nicht lange her, da galt dies als ernst zu nehmender Anspruch. Heute macht man sich mit dieser Forderung fast lächerlich. Der Lehrermangel in großen Städten, allen voran Berlin, aber auch auf dem Land, ist so eklatant, dass auch diejenigen mit Freude im Schuldienst begrüßt werden, die mangels guter Examensnoten früher allenfalls im Pool der Vertretungslehrer gelandet wären. Für die aktuelle Misere hält der Schatz an deutschen Redewendungen ein treffendes Bild bereit: Wer nicht bei drei auf den Bäumen ist - wird als Lehrer engagiert.

Als wäre dieser Zustand für die Weichensteller in der Politik, die es so weit haben kommen lassen, nicht schon peinlich genug, platzt nun noch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung in die darbende Schullandschaft hinein. Unter dem etwas hämischen Titel "Demographische Rendite adé" scheint sie den überlasteten Lehrern, den kopfschüttelnden Experten und den Eltern, die sich zu Recht über massenhaft Unterrichtsausfälle empören, zuzurufen: "Ihr dachtet, es ist schlimm? Es wird noch schlimmer!"

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8,3 Millionen Kinder werden der Studie zufolge im Jahr 2025 in die Schule gehen. Stimmt die Prognose, dann wären das mehr als eine Million Kinder mehr, als die Kultusministerkonferenz (KMK) bis Mittwoch offiziell gewusst hat. Jener Klub der Kultusminister also, der in den Bundesländern darüber entscheidet, wie viele Lehrer in Zukunft eingestellt und folglich schon heute ausgebildet werden müssen.

Eine Million Schüler mehr - die hatte keiner auf dem Zettel

Was ist geschehen? Die Schätzung der KMK hatte den seit der Jahrtausendwende sinkenden Schülerzahlen ein weiteres Schrumpfen vorhergesagt. Weniger Schüler, weniger Bedarf an Lehrern, lautete die Rechnung in den Ministerien: Würde sich der Lehrermangel also nicht zumindest teilweise von selbst erledigen, sogar trotz Inklusion, trotz Pensionierungswelle, trotz Ganztagsschule? War es deshalb nicht auch ein Gebot der Vernunft, weniger in Personal (und Gebäude) zu investieren, als aktuell notwendig zu sein schien?

Jahrelang wurde auf diese "demografische Rendite" spekuliert. Ein Irrtum. Als erste Überraschung kamen die Flüchtlingskinder. Niemand konnte den Ansturm dieser 300 000 neuen Schüler vorhersehen, auch die Politiker nicht. Die zweite Überraschung war die seit 2012 fünfmal in Folge gestiegene Geburtenrate. Sie macht den noch viel größeren Effekt in ihrer Neuberechnung aus, sagen die Studienautoren.

Diese Dynamik bemerkten auch die Minister, spätestens im laufenden Jahr wird überall hektisch gegengelenkt. Doch der Markt ist leergefegt, in Brandenburg sollen Lehrer aus Polen aushelfen, andernorts sind Quereinsteiger willkommen, werden Erziehungsurlauber und Pensionäre angefleht, zurückzukehren.

Besonders in den Grundschulen rächt sich das lange Aussitzen der Problematik. Nirgendwo ist die Lehrernot größer. Den Preis zahlen die Kinder. Musik- und Sachunterricht fällt aus, statt drei Sportstunden gibt es oft nur eine. Dabei haben die Kinder einen Anspruch auf diese Fächer, sie stehen in der Stundentafel. Wenn nun noch mehr Schüler kommen, könnte es auch in Kernfächern wie Deutsch und Mathe eng werden. Das käme einer Bankrotterklärung des Schulwesens gleich.

Es bleibt der Politik nichts anderes übrig: Sie muss rasch die Lücken stopfen, so gut es eben geht - und den Lehrerberuf langfristig viel attraktiver machen. Grundschullehrer besser bezahlen, das Studium besser und flexibler machen. Sinken die Schülerzahlen eines Tages wieder, hat man vielleicht ein paar Lehrer zu viel. Wie schön! Dann gibt es endlich wieder Personal für den Chor, die Theater-AG und die Klassenfahrt. Und dann endlich auch wieder eine gesunde Konkurrenz - zwischen den schlechten und den guten Lehrern.

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