Bildung Soll "Mein Kampf" in der Schule gelesen werden?

Könnte in kommentierter Fassung bald Schulstoff werden: "Mein Kampf".

(Foto: REUTERS)
  • Seit zwei Wochen ist die kommentierte Fassung von Hitlers "Mein Kampf" auf dem Markt.
  • Experten fordern nun, das Buch in den Schulen zu besprechen - unklar ist nur, in welchem Fach genug Zeit dafür sein könnte.
Von Johann Osel

Was wurde nach der Machtübernahme der Nazis gleich abgeschafft? Die Reichsmark, antworten 23,8 Prozent der Zehntklässler. Was war der Deutsche Herbst? Jeder Vierte sagt: das Ende des Dritten Reiches. Es ist wohl die Kenntnis solcher Studien, in diesem Fall vom Forschungsverbund SED-Staat, gepaart mit der Sorge über aufkeimende Fremdenfeindlichkeit, die auf ein Wundermittel im Fach Geschichte hoffen lässt.

Kann das die Lektüre der kommentierten Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" sein? Knapp zwei Wochen vor der Veröffentlichung des Instituts für Zeitgeschichte wird die Forderung lauter: Das Buch muss in die Schulen!

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, verlangte: Alle Schulen müssten eine Ausgabe erhalten, die Kultusminister sollten Rahmenempfehlungen dazu erlassen.

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Der SPD-Bildungspolitiker Ernst Dieter Rossmann meinte: "Diese menschenverachtende Kampfschrift historisch zu entlarven und den Propagandamechanismus zu erklären, gehört in einen modernen Schulunterricht von dafür qualifizierten Lehrkräften."

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) ergänzte: Das Buch sei bald verfügbar, Schüler "werden also Fragen haben - und es ist richtig, dass sie diese im Unterricht loswerden und über das Thema sprechen können."

Die Kernfrage aber ist: Wie können die Schulen das leisten? Raum für reflektierte Lektüren böte nur der Deutschunterricht. Sollen Schüler künftig Hunderte Seiten Hass lesen, statt Weltliteratur? Hitler statt Goethe? Undenkbar.

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Möglich ist wohl nur das Lesen von Auszügen im Fach Geschichte - in einem Fach, das wegen Lehrplanreformen seit Jahren leidet, das in manchen Stufen nur noch einstündig läuft oder als Kombi-Fach, zum Beispiel mit Sozialkunde. Lehrer müssen dort ohnehin aufs Tempo drücken.

Der Holocaust selbst nimmt zwar viel Platz ein - aber: Kaum ist der Kaiser 1918 außer Landes, marschieren wenige Stunden später schon die Braunhemden auf. Der Hitler-Putsch dauert oft nur 15 Minuten, der Erste Weltkrieg ist fast zu einem Randthema geworden.

Der Geschichtsdidaktiker und Berliner Professor Thomas Sandkühler erinnert in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte an die Entstehung von Hitlers Judenhass: verlorener Erster Weltkrieg, Versailler Vertrag, Dolchstoßlegende, die Wahnvorstellung einer "jüdischen Weltherrschaft". Dies zu überblicken "stellt hohe Anforderungen an Schüler".

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Dazu kämen Gefahren, wenn "Mein Kampf" ohne Einbettung gelesen wird. Selbstentlastung wie in der jungen Bundesrepublik, nach dem Motto: "Hitler war's." Oder, umgekehrt: "Für das Geschichtsbewusstsein wäre nicht viel gewonnen, wenn Auszüge des Buchs zur Erzeugung politisch erwünschter Einstellungen verwendet würden." Denn eine solche "Gesinnungsbildung" würde "seine Adressaten bestenfalls verfehlen, schlimmstenfalls zu Trotzreaktionen veranlassen".

Sandkühler rät, vor einem Unterricht mit dem Buch Kenntnisse und Ansichten der Schüler zu testen - um daran passend anzuknüpfen, mit "behutsamen" Gegenwartsbezügen. "Von besonderem Interesse" seien hier Aussagen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. 16 Prozent der Schüler mit türkischen Wurzeln sehen in der Studie der SED-Forscher den Nationalsozialismus positiv.