Schule Hausaufgaben sind "Zeitdiebstahl" ...

Autor Armin Himmelrath würde die Hausaufgaben gerne abschaffen.

(Foto: lassedesignen - Fotolia)

... schreibt Bildungsjournalist Armin Himmelrath in einem neuen Buch. Darin argumentiert er nicht nur mit Küchentisch-Kalamitäten.

Von Johann Osel

Drei Jahrzehnte Hausaufgabenerfahrung mit eigenen Kindern kann der Autor auf der Habenseite verbuchen - Berichte vom motzenden Nachwuchs, von Vergesslichkeit, von Telefonkonferenzen mit Freunden, wie denn nun eine bestimmte Aufgabe gemeint sei, von stirnrunzelnden Lehrern, die Sorgfalt anmahnen; oder von der brennenden Frage der Kinder, warum man nicht außerhalb der Stadt wohne, damit morgens im Bus Zeit für die Aufgaben sei. Aber: Hausaufgaben müssen nun mal sein, ein "didaktisches Dogma".

Nein, müssen sie nicht, schreibt Armin Himmelrath nun in seinem Buch "Hausaufgaben - Nein Danke!", und erörtert darin die Sollseite. Es ist ein Plädoyer für den Abschied vom häuslichen Rechnen und Schreiben, er argumentiert dabei keineswegs nur mit eigenen Küchentisch-Kalamitäten - sondern pädagogisch und schulpolitisch. Der Autor ist Fachjournalist für Bildungsthemen.

Schon in Schulordnungen des Mittelalters seien "häusliche Arbeitspflichten" geregelt gewesen - zum Einüben, Nacharbeiten, Vertiefen, Erlernen von Eigenständigkeit - und das sei nun seit Hunderten Jahren nicht ernsthaft hinterfragt worden. Wobei: Debatten und Vorstöße gab es zuhauf, Himmelrath referiert sie ziemlich ausführlich, Stimmen aus Wissenschaft wie Schulpraxis bilden letztlich die Basis für sein Plädoyer. Da wären durchaus die Familienbelange zu nennen: Der Autor nennt das Monitum eines bundesweiten Elternvertreters: "Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch." Aber auch Fachliches: Studien, Experimente, wonach Hausaufgaben nicht wirklich positive Effekte bringen.

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Auf die Wissenschaft allein verlässt sich Himmelrath nicht, für seine Recherchen führte er Interviews mit Lehrern und wertete die Postings von Referendaren in Internetforen aus. Sein Schluss daraus: Hausaufgaben werden nicht pädagogisch sinnvoll genutzt. Stattdessen würden sie als "Verschiebebahnhof" und "Zeitpuffer" verwendet - um das abzufangen, was im regulären Unterricht nicht stattfinden konnte.

Und als Sanktionsinstrument, "ein pädagogisch bewährtes Instrument", wie Himmelrath eine Lehrerin zitiert. Und anfügt: "Sie vergaß allerdings, dass auch der Einsatz des Rohrstocks irgendwann mal als bewährtes pädagogisches Instrument galt." Man beachte die Redewendung, jemand müsse "seine Hausaufgaben" machen, ein Politiker zum Beispiel. Da stecke alles drin: das Demütigende, Drohende, die Pflicht, etwas nachzuholen, um weiter dabei sein zu dürfen. Das ist nicht das Schulsystem, das sich Himmelrath vorstellt. Und die Hausaufgaben - ein "Zeitdiebstahl" - gehören hier ebenso wenig dazu.

Trainingsstunden statt Hausaufgaben-"Betreuung"

Nötig sei ein "Neustart in Sachen Hausaufgaben", selten seien die Chancen dafür so gut gewesen - wegen des Trends zur Ganztagsschule. Der Autor empfiehlt: Zunächst ein Umstellen auf "andere" Aufgaben, die "an den Entdeckungs- und Spieltrieb" appellieren statt "mechanisches Erledigen" und die " simple Wiederholung"; mit dem Ganztagssystem gelangten Hausaufgaben dann wieder "dorthin, wo sie hingehören: in die Schule". Da aber soll es nicht Hausaufgaben-"Betreuung" geben, sondern Trainingsstunden, durchlässig, um zum Beispiel temporäre Defizite auszugleichen.

Gute Ganztagsschule müsse jedenfalls keine Aufgaben ins häusliche Umfeld delegieren, ist sich der Autor sicher. Was wiederum als Segen für das Familienleben zu sehen sei und das Schmollen, Klagen und Telefonieren wie im Hause Himmelrath überflüssig macht - wodurch das Buch letztlich doch ein bisschen als persönlicher Kampf zu werten ist.

Armin Himmelrath: Hausaufgaben - Nein Danke! Warum wir uns so bald wie möglich von den Hausaufgaben verabschieden sollten, Oktober 2015, hep-Verlag, 152 Seiten, 16 Euro.