Schule Das achtjährige Gymnasium verdient eine Chance

Wie lang soll das Gymnasium denn nun dauern?

(Foto: dpa)

Die Probleme des G 8 sind vor allem Folge von dessen überstürzter Einführung. Warum Bildungspolitiker nicht vorschnell zum G 9 zurückkehren sollten.

Gastbeitrag von Silke Anger

Es dauert nicht mehr lange, dann schreiben die Gymnasiasten in Deutschland ihre Abiturprüfungen. Doch während die Prüflinge in einigen Bundesländern dann regulär 13 Schuljahre hinter sich haben, werden die meisten unter ihnen lediglich zwölf Jahre lang die Schulbank gedrückt haben. Dennoch müssen sie vergleichbare Reifeprüfungen absolvieren.

Ob es sinnvoll ist, den gymnasialen Lehrstoff von neun auf acht Jahre zu komprimieren, wird seit Einführung der G-8-Reform intensiv diskutiert. Nicht wenige Eltern und Lehrer glauben, dass die Konsequenzen für die Gymnasiasten negativ sind, und formieren eine starke Opposition gegen die Reform. Der Druck auf die Politik wurde in manchen Ländern so groß, dass die Rückkehr zum G 9 dort vorbereitet oder zumindest angekündigt wurde.

Die Autorin

Silke Anger, 41, leitet den Forschungsbereich "Bildungs- und Erwerbsverläufe" des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Doch sind die massive Kritik am achtjährigen Gymnasium und die Warnung vor dessen schädlichen Nebenwirkungen berechtigt?

In der emotional geführten Debatte ist eine sachliche Argumentation deshalb so schwierig, weil jeder basierend auf eigenen Erfahrungen eine feste Meinung darüber hat, wie das optimale Schulsystem aussehen sollte. Dabei ließe sich die Diskussion durchaus versachlichen und mit empirischen Befunden unterfüttern, denn inzwischen hat eine Reihe von Bildungsforschern aus Erziehungswissenschaft, Ökonomie, Psychologie und Soziologie die G-8-Reform genau unter die Lupe genommen. Hierbei ist von grundlegender Bedeutung, eindeutige Reformeffekte klar von Entwicklungen zu trennen, die ganz andere Ursachen haben.

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Das primäre Ziel der Reform jedenfalls wurde erreicht. Der Altersdurchschnitt der Abiturienten ist gesunken, sie können früher als bisher ins Berufsleben eintreten. Zwar mussten etwas mehr Schüler eine Klasse wiederholen, trotzdem sind die G-8-Abiturienten durchschnittlich elf Monate jünger als die Abiturienten vor der Reform. Allerdings starten nicht alle früher ins Berufsleben: Neueste Befunde zeigen, dass nach der Einführung des G 8 etwas weniger Abiturienten ein Studium innerhalb der ersten drei Jahre aufnehmen - und auch etwas seltener als bisher direkt im Anschluss an das Abitur. Zudem hat sich die Wahrscheinlichkeit, ein Studium abzubrechen und das Studienfach zu wechseln, seit der G-8-Reform leicht erhöht.

An unterschiedlichen kognitiven Kompetenzen kann dies kaum liegen: Ein Vergleich der Abiturnoten von G-8- und G-9-Schülern in den einzelnen Bundesländern spricht gegen die Vermutung, dass die Abiturienten nach acht Jahren grundsätzlich schlechter abschneiden. Mit 15 Jahren zeigten die G-8-Schüler beim Pisa-Test sogar bessere Leistungen als G-9-Schüler. Sind es also die nicht-kognitiven Fähigkeiten, an denen es G-8-Schülern mangelt?