Schülerzahlen an Gymnasien und Unis Es ist die Intelligenz, Dummkopf

Man hört es nicht gerne, aber Stand der Forschung ist: Unser intellektuelles Potenzial ist weitgehend angeboren. Die Psychologen Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer erklären, was Begabung ist - und plädieren dafür, deutlich weniger Schüler zum Gymnasium zuzulassen.

Von Christian Weber

Dieses Buch wird wohl kein Bestseller. Warum nicht? Es beschreibt unsere geistigen Fähigkeiten, wie sie wirklich sind. Nüchtern und klar, nach Studienlage, ohne Anekdoten, Ich-Geschichten, süffige Thesen und Heilsversprechen, wie sie die Pop-Science-Autoren von Daniel Coyle ("Die Talentlüge") bis Malcolm Gladwell ("Überflieger") so gerne verfassen.

Nein, nicht jeder Mensch hat die Möglichkeit zum großen Erfolg, da mag er sich noch so abstrampeln, da mögen die Chancen noch so am Straßenrand liegen. Was einer überhaupt erreichen kann, das stecken in weitem Maße die Gene ab. Entscheidend ist das ererbte kognitive Potenzial. Die These dieses Buches lautet, frei nach Bill Clinton: "It's the intelligence, stupid."

Die Lernforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich und der Psychologe Aljoscha Neubauer von der Universität Graz bemühen sich in ihrem Buch "Intelligenz: Große Unterschiede und ihre Folgen" um Deutlichkeit. Gelassen, aber bestimmt widersprechen sie den zahlreichen Mythen zum Thema, die in der Öffentlichkeit kursieren, in der Wissenschaft aber widerlegt sind.

Es gibt nur eine Intelligenz

So sei es nur eine schlechte Analogie, wenn viele Autoren jede Art von Kompetenz, von der sozialen bis zur sexuellen, als Formen von "Intelligenz" bezeichneten. Bei der Intelligenz gehe es nun mal um formale, kognitive Fähigkeiten im engeren Sinne, um "logisches Denkvermögen, die Fähigkeit zum schlussfolgernden (induktiven) Denken oder die Fähigkeit zur räumlichen Vorstellung". Diese Fähigkeiten existierten unabhängig von sonstigen Kompetenzen und kulturellen Prägungen und seien klar zu definieren.

Deshalb treffe auch ein weiteres populäres Missverständnis nicht zu, dass nämlich Intelligenztests nur willkürliche Hilfskonstrukte seien. Im Gegenteil, schreiben Stern und Neubauer, "Intelligenztests waren und sind eine Erfolgsgeschichte der Psychologie". Und nein: Es stimmt nicht, dass die mathematische Schwäche des einen meist durch seine umso größeren sprachlichen oder sonstigen Stärken ausgeglichen werde. Vielmehr hätten zahlreiche Studien einen zumindest moderaten Zusammenhang zwischen den verschiedenen kognitiven Teilleistungen gezeigt.

Deshalb sei es durchaus gerechtfertigt, von einer allgemeinen Intelligenz zu sprechen, Fachleute nennen diese "Faktor g" (abgekürzt für Generalfaktor). Dieser Faktor sei es, der schulischen und beruflichen Erfolg, Einkommen, ja Lebenserfolg überhaupt in signifikantem Maße voraussagt. Er sei wichtiger auch als Motivation, Fleiß, Disziplin und Kreativität, zumal solche Faktoren häufig ohnehin mit Intelligenz korrelierten.

Keine Furcht vor heißen Debatten

Auch vor den heißen Debatten machen Stern und Neubauer nicht halt: Klar doch, schreiben sie, das erreichbare intellektuelle Potenzial sei weitgehend angeboren. "Die Eizelle und die Samenzelle, die zueinandergefunden haben, stecken das geistige Feld, in dem sich ein zukünftiger Mensch bewegen kann, ab."

Die Missverständnisse kämen eher daher, dass das Erbgut häufig als eine Art Programm gesehen werde, das von alleine abläuft. Doch das sei so falsch wie die Annahme, eine Pflanze würde von alleine wachsen, weil sie genetisch determiniert dazu sei. Natürlich müsse sie dennoch gegossen werden, damit sie wächst. Ebenso müsse man dem menschlichen Geist Lernangebote machen, damit dieser sich entwickelt. Gene und Umwelt wirkten nicht unabhängig voneinander, sie interagierten vielmehr: "Nature via nurture" müsse es heißen statt "Nature versus nurture."