Schüler mit Autismus "Ein Schuljahr lang lernte Jonas alleine im Keller"

Menschen mit Autismus gelten oft als skurrile Einzelgänger - aber sie können durchaus lernen, die Mimik und Gestik anderer Menschen zu deuten.

(Foto: dpa-tmn)

Abgelehnt, missverstanden, schwer zu integrieren: Der Unterricht für autistische Kinder ist von Inklusion oft weit entfernt. Betroffene berichten.

Protokolle von Susanne Klein und Paul Munzinger

"Es hat mir überhaupt nicht gefallen dort"

Anke Stang, Hannover: Als Jonas klein war, wollte er von anderen Kindern nichts wissen. Wenn er über sie sprach, sagte er "die Kinder", als gehöre er nicht dazu. Gesellschaftliche Konventionen sind für ihn eine Fremdsprache. Er sagt, was er denkt, und das ist nicht immer freundlich. Seine Sinne sind ungewöhnlich stark ausgeprägt. Einmal hat er beim Haarekämmen geweint vor Schmerzen. Besonders empfindlich sind seine Ohren, das Geräusch von Husten erträgt er nicht. Kognitiv war er nie auffällig, aber motorisch. Er hatte Mühe, einen Reißverschluss zu öffnen oder die Schuhe zu binden. Als er vier war, wurde bei Jonas Asperger-Autismus festgestellt.

Wir wollten ihn auf eine Förderschule schicken für emotional-geistige Entwicklung. Der Schulleiter antwortete: "Wir nehmen keine autistischen Kinder, da bleiben mir die Lehrer krank." Also kam Jonas auf eine normale Grundschule, ein Schulbegleiter wurde ihm zur Seite gestellt.

In der Schule fallen Autisten durchs Raster

Kinder mit Autismus brauchen Unterstützung. Früher hieß das Förderschule, heute sollte das die Regelschule leisten können. Die Realität sieht anders aus. Von Susanne Klein und Paul Munzinger mehr ...

Jonas Stang: Die Zeit in der Grundschule war schön. Um Ruhe zu haben, bin ich oft in der Stunde am Kanal spazieren gegangen. Dann bin ich zurück in den Unterricht.

Anke S.: Zur dritten Klasse wechselte Jonas auf eine Schule mit Förderschwerpunkt Sprache. Ein Jahr lang lief es gut, dann wurde ihm die Klasse zu unruhig.

Jonas S.: Ich war die meiste Zeit auf der Toilette, weil die Kinder so laut waren. Die Lehrer fanden das gar nicht gut.

Anke S.: Jonas' dritte Schule war eine Gesamtschule, in seiner Klasse war er nie. Ein Schuljahr lang lernte Jonas alleine im Keller, nur mit seinem Schulbegleiter. Die Lehrerin gab ihm Aufgaben.

Jonas S.: Das war schön, im Keller haben wir gearbeitet. Es war ruhig.

Anke S.: Nach einem Jahr musste Jonas gehen. Er kam auf eine Förderschule für geistig-soziale Entwicklung. Die Schule war der Horror für Jonas.

Jonas S.: Ich hatte vor den Schülern Angst, ich hatte vor den Lehrern Angst. Es hat mir überhaupt nicht gefallen dort.

Anke S.: Im Schulbus hat Jonas sich die Hände blutig gebissen. Einmal hat er auf der Autobahn versucht, aus dem Bus zu springen, einmal ist er nachts weggelaufen, barfuß durch den Schnee zur Polizei, um zu melden, dass er nicht mehr zur Schule will. Es ging nicht mehr. Jonas kam für drei Monate in stationäre Behandlung.

Danach war er krankgeschrieben, er erhielt Hausunterricht. Ein- bis zweimal die Woche kam ein Lehrer zu uns. Jonas beruhigte sich, für die Familie war es eine große Erleichterung. An Heiligabend vor zwei Jahren kam dann ein Brief von der Schulleitung. Der Unterricht müsse eingestellt werden, man könne die Lehrer nicht mehr entbehren. Seitdem hat er keinen Kontakt mehr zu dieser oder irgendeiner Schule.

Jonas ist jetzt 18, er ist nicht mehr schulpflichtig. Seit August arbeitet er in einer Caritas-Werkstatt. Er ist jetzt in der Spur.