Respekt vor dem Doktor Eine Welt von Wissen

Bis heute hat sich der Glaube an den besonderen Status der Universitäten gehalten. Als Horte der Erkenntnis, die gewöhnlichen Menschen verschlossen bleiben. Die Hochschulen stellen aber auch Massenbetriebe dar - und das fordert seinen Tribut.

Von Thomas Steinfeld

Abschlussfeier in Bonn: Immer mehr Studierende erreichen einen akademischen Grad

(Foto: dpa)

Drei Typen des akademischen Grads "Doktor" gibt es, und man muss sie sorgfältig unterscheiden. Da ist zunächst der Grad des Arztes. Sein Namenszusatz, den er oft auch dann zugesprochen bekommt, wenn er ihn gar nicht erworben hat, gehört in denselben Zusammenhang wie seine Sprache und seine Schrift.

Die eine wird nur von Kollegen verstanden, die andere ist unleserlich, und alle drei Momente (der Grad, die Sprache und die Schrift) werden als Ausdruck des Zugangs zu höherem, der Allgemeinheit verborgenem Wissen wahrgenommen. Deswegen wird im akademischen Vergleich auch zwischen dem "Berufsdoktorat" des Arztes und dem echten "Doktor" unterschieden.

Der zweite Typ gehört zu Wissenschaftlern, die eine akademische Karriere zumindest erwägen. Für sie ist der Doktorgrad eine Voraussetzung für den Zugang zu den oberen Laufbahnstufen. Sie müssen deshalb damit rechnen, dass die zu ihrem Grad gehörenden Dissertationen gelesen werden.

Ein seltsamer Schmuck

Für den dritten Typ ist der Doktorgrad tatsächlich ein Titel: ein Namenszusatz, den man sich im Personalausweis eintragen lassen kann, ein Ornament, das seinen Träger vermeintlich in ein Wesen höherer Ordnung verwandelt, ein seltsamer Schmuck, den zu erwerben eine Anstrengung von Jahren voraussetzt, den man aber nicht braucht, weder im Beruf noch anderswo. Es ist dieser dritte Typ, der dafür sorgt, dass die Liebe zum Doktor im Ausland als spezifisch deutscher Wahn aufgefasst wird.

Tatsächlich ist der höhere akademische Grad in Deutschland eine ernste Sache - anders als in Italien, wo man den "dottore" auch als lustige Figur der venezianischen Komödie kennt, anders sogar als in Österreich, wo er in oft halbernster Form in die alltägliche Prunksucht eingeht. Ernst ist die Sache nicht nur, weil man sie ohne Qual und Entsagung nicht verliehen bekommt, sondern vor allem, weil sich dahinter ein Glaube an die deutsche Universität als dem einzigen und einzigartigen Ort höheren Wissens verbirgt.

Der Glaube an ein paar hundert Jahre Bildungsgeschichte

Für einen Franzosen stellt es einen großen Unterschied dar, ob er eine Universität oder eine "haute école" besucht hat, denn Letztere zählt weitaus mehr als eine Universität, gar in der Provinz.

Für einen Briten ist der Abstand zwischen den alten, renommierten Universitäten und mittelmäßigen staatlichen Hochschulen so groß, dass er erst gar nicht darauf kommt, sie mit demselben akademischen Grad überbrücken zu wollen.

So denkt auch der Amerikaner, für den es darüber hinaus noch den "Doc" gibt. Dieser zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er irgendwo studiert hat, sondern dass er in Stunden der Not noch einen besonderen Trick beherrscht. Im deutschen "Doktor" aber stecken nicht nur der Glaube an ein einiges Reich des Wissens, sondern auch ein paar hundert Jahre Bildungsgeschichte.