Reform des Schulsystems in Baden-Württemberg Gemeinsam bis zur Oberstufe

Baden-Württembergs Kultusministerin läutet das Ende des dreigliedrigen Schulsystems ein: Sie hat einen Gesetzentwurf für die Gemeinschaftsschule in den Landtag eingebracht - und will damit den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg auflösen.

Von Johann Osel und Roman Deininger

Gabriele Warminski-Leitheußer kann endlich etwas vorzeigen, das den Unbill der vergangenen Monate vergessen lässt. Am Mittwoch hat die baden-württembergische SPD-Kultusministerin den Gesetzentwurf für die Gemeinschaftsschule in den Landtag eingebracht. "Wir wollen damit den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg auflösen."

In diesen Gemeinschaftsschulen sollen Kinder, die von ihren Grundschullehrern Empfehlungen für das Gymnasium, Real- oder Hauptschulen erhalten, nach der vierten Klasse nicht getrennt, sondern weiter gemeinsam unterrichtet werden. Zum kommenden Schuljahr sollen 39 Schulen im Land mit diesem Konzept an den Start gehen. Dass die Hälfte davon in Kommunen mit CDU-Bürgermeistern steht, weist darauf hin, dass bei der Reform auch die demographische Entwicklung eine Rolle spielt: Schulstandorte können auch erhalten werden, wo es weniger Kinder gibt. Der Weg zum Gesetzentwurf war für die Ministerin holprig.

Bildung ist ein Kernthema der grün-roten Regierung. Deshalb stellten Grüne wie Rote zuletzt intern die Frage, ob SPD-Landeschef Nils Schmid mit der Berufung der früheren Mannheimer Kulturbürgermeisterin Warminski-Leitheußer eine gute Wahl getroffen habe. Denn so kommunikativ und charmant die 49-Jährige auftritt, so flammend ihre Reden für die Gemeinschaftsschule sind - bei Presseterminen musste sie konkrete Zahlen des Öfteren nachliefern, auf Elternveranstaltungen fiel sie durch schlechte Vorbereitung auf; das Gesamtkonzept blieb vage. Einmal, als sie bei einem gemeinsamen Presseauftritt mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann Detailkenntnis vermissen ließ, entglitten Kretschmann vor Ärger die Gesichtszüge.

Auch wegen ihrer internen Führung geriet die Ministerin in die Kritik: Während andere Ressortchefs bei Amtsantritt ihre Häuser sachte umbauten, heuerte sie Mitstreiter für eine Stabsstelle Gemeinschaftsschule an. Von einer Parallelwelt zum verbliebenen Apparat, einem Klima des Misstrauens hörte man in Stuttgart. Das erschwert es, die Reform gegen Skeptiker zu verteidigen - oder gegen die Opposition im Landtag, die Grün-Rot ideologischen Starrsinn vorwirft. Durch den Entwurf sind nun jedenfalls Fakten geschaffen worden - etwa über zusätzliche Lehrerstunden, die Gemeinschaftsschulen für individuelle Lerngruppen erhalten sollen.

So wie Grün-Rot in Baden-Württemberg den Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem einläutet, wollte auch die rot-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen eine sanfte Reform einleiten. Nach hartem Poker mit der CDU weichte die Regierung in Düsseldorf das Modell aber zur "Sekundarschule" auf. Kinder lernen dort zumindest in den Klassen fünf und sechs gemeinsam; aber wer Abitur machen möchte, muss das nach wie vor an einem Gymnasium tun. Das sollte Zweifler besänftigen, die um den Status des klassischen Gymnasiums bangen.

In Erinnerung geblieben ist schließlich auch der Hamburger Volksentscheid von 2010: Dort hatte ein aufgebrachtes Bildungsbürgertum die Idee, Kinder länger gemeinsam lernen zu lassen, gekippt. Der Fall habe bei Schulpolitikern eine "gewisse Behutsamkeit" entstehen lassen, stellte kürzlich der Hamburger Schulsenator und Chef der Kultusministerkonferenz, Ties Rabe, im SZ-Interview fest. Die Ministerkollegen seien sich seitdem der "Nebenwirkungen von Schulstrukturreformen" bewusst.