Rechenschwäche "Häufig verstehen die Kinder nicht, dass die Zahlen Anzahlen beschreiben"

Was macht sie so sicher, dass die Kinder Rechnen lernen könnten?

Die sinnhafte Rechenförderung. Egal, wie alt die Leute sind: Wir fangen mit ihnen nochmal ganz am Anfang des Zahlbegriffs an - und es führt zum Erfolg. Da wird also keine Kranheit behandelt und da passiert nichts, was im ganz normalen Schulunterricht nicht auch passieren sollte.

Was genau sind die Schwierigkeiten dieser Kinder?

Häufig verstehen die Kinder nicht, dass die Zahlen im Matheunterricht Anzahlen beschreiben. Bei vielen Zahlen, die ihnen im Alltag begegnen, ist das ja auch nicht so: Hausnummern, Kalenderdaten, Telefonnummern...

Das sagt die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Simone Fleischmann, zu der Kritik von Mathedidaktiker Meyerhöfer.

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Das heißt, Zahlen sind für sie nur Worte oder Zeichen?

Richtig. Dazu kommt, dass viele Kinder nicht verstanden haben, dass Zahlen aus anderen Zahlen, im Grunde aus lauter Einsen, aufgebaut sind. Ein Beispiel: Wenn sie 37 plus 12 rechnen sollen, denken sie, "ich rechne die Zahlen hinten zusammen und ich rechne die Zahlen vorne zusammen". Sie haben also gar kein Verständnis dafür, dass die Ziffern vorne Zehner und die Ziffern hinten Einer repräsentieren und was da mengenmäßig passiert.

Dyskalkulie wird bei vielen Kindern erst in der dritten oder vierten Klasse diagnostiziert. Wie kann es sein, dass das fehlende Grundverständnis so lange unbemerkt bleibt?

Lehrer sind gut darin, zu erkennen, welche Fehler ein Kind macht. Aber sie sind auffällig schlecht darin, herauszukriegen, wie das Kind auf das Resultat kommt. Jedes Kind löst Rechenaufgaben am Anfang zählend. Es kennt also die Zahlwortreihe 1-2-3-4-5 undsoweiter. Sechs plus drei wird zunächst so gedeutet, dass ich von der sechs auf der Zahlwortreihe drei weitergehe. Es ist aber ein fundamentaler Unterschied, ob ich denke, neun ist drei weiter als sechs oder neun ist drei mehr als sechs. Außerdem können Kinder Aufgaben auswendig lernen.

Und damit kommen die Kinder durch?

Mit reinem Pauken und zählendem Rechnen reicht es bei vielen Kindern immer irgendwie zu einer drei auf dem Zeugnis. Da können sich Lehrer und Eltern einreden, dass das schon noch wird. Aber spätestens beim Bruchrechnen kommen die Kinder überhaupt nicht mehr klar. Wenn sie dann ganz von vorne anfangen müssen, hängen sie Jahre hinterher.

Was unterscheidet also die guten von den schlechten Lehrern?

Ein guter Lehrer spricht sehr viel mit den Kindern, zum Beispiel über die Relationen von Zahlen. Er schafft Anlässe, Sätze zu sagen, wie "sieben ist zwei mehr als fünf", "fünf ist zwei weniger als sieben", "sieben setzt sich aus sieben Einsen zusammen und fünf nur aus fünf Einsen, das sind zwei weniger". Und er fragt, wie sie zu ihren Ergebnissen gelangen. In der ersten Klasse müssen die Kinder von ihren zählenden zu nicht-zählenden Strategien kommen. Wenn dies nicht passiert, muss die Schule unbedingt eingreifen, aber oftmals tut sie das nicht. Im Gespräch über die Rechenwege behält der Lehrer im Blick, wie die Schüler Zahlen und Rechenoperationen denken, und die Kinder können sich die Lösungswege ihrer Mitschüler abschauen. Die Tendenz ist aber leider eine andere: Grundschüler wurschteln zunehmend alleine an ihren Arbeitsblättern rum.

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