Quereinsteiger "Niemand kann sein Leben lang das Gleiche machen"

Lucy Kellaway, 57, ist eine bekannte Journalistin und Wirtschaftsbuch-Autorin in Großbritannien. Ihre Kolumnen in der Financial Times über den Wahnsinn des Büroalltags haben eine treue Fangemeinde.

(Foto: Lucy Levene)

Financial-Times-Kolumnistin Lucy Kellaway will Manager für den Lehrerberuf gewinnen - und sich selbst an der Tafel versuchen.

Protokoll von Björn Finke

"Als Kolumnistin bei der Financial Times zu arbeiten, ist großartig. Aber niemand kann sein Leben lang das Gleiche machen. Deshalb werde ich ab September an einer weiterführenden Schule in London unterrichten.

Meine Mutter war auch Lehrerin, und meine Tochter hat ebenfalls als Lehrerin gearbeitet. Wie sie es geschafft hat, benachteiligten Kindern zum Erfolg zu verhelfen, hat mich wirklich beeindruckt. Ich werde Mathe unterrichten, weil das mein Lieblingsfach in der Schule war.

Als ich von meinen Plänen erzählte, sagten manche, ich sei völlig verrückt geworden. Andere meinten: Das ist fantastisch, aber ich würde mir das nicht zutrauen. Wieder andere überlegen es sich nun selbst. Meine Kinder unterstützen mich sehr bei meiner Entscheidung. Das ist toll!

Die Fortbildung startet im August, danach läuft sie parallel zum Unterricht. Ich gehöre damit zum ersten Jahrgang einer Stiftung, die ich vergangenes Jahr mitgegründet habe: Now Teach (auf Deutsch: Und jetzt: Unterrichte!). Die Stiftung will Managerinnen und Manager dafür begeistern, nach einer langen Karriere ihr Unternehmen zu verlassen und Lehrer zu werden. Sie sollen ihre Lebenserfahrung einbringen und ihren Schützlingen mit Kontakten helfen. Kinder aus der Mittelschicht wachsen automatisch mit Verbindungen in die Wirtschaftswelt auf, aber die Schulen, die mit unserer Stiftung zusammenarbeiten, werden von weniger privilegierten Kindern besucht.

Für Menschen über 50 lohnt sich heute eine Umschulung

Viele Menschen sind nach 30 Jahren in der Wirtschaftswelt gelangweilt oder ausgebrannt. Und sie können in dem Alter wieder Risiken eingehen, weil das Haus abbezahlt und die Rente nah ist. So wie bei mir. Meine vier Kinder sind alle aus der Schule, jetzt möchte ich etwas Nützliches für die Gesellschaft tun. Es ist eine Schande, dass niemand Menschen über 50 ermuntert und hilft, sich noch einmal für einen anderen Beruf ausbilden zu lassen. Dabei leben wir ­immer länger und können länger arbeiten.

Die Arbeit als Lehrerin wird unglaublich hart sein. Viele Menschen in meinem Alter werden sich das nach einem langen Berufsleben nicht mehr antun. Doch andere mögen Herausforderungen und wollen Neues lernen. Für Menschen, die Managementgehälter gewohnt sind, ist natürlich auch die Bezahlung abschreckend. Einsteiger wie ich bekommen nicht viel mehr als 20 000 Pfund im Jahr (23 000 Euro). Einige unserer Bewerber verdienen bisher eine halbe Million. Als ich das mit den 20 000 Pfund einem Interessenten sagte, fragte der: Ist das pro Monat?

Wegen der schlechten Bezahlung sind Lehrkräfte in Großbritannien im Schnitt sehr jung. Nach einigen Jahren wechseln viele lieber in einen anderen Beruf. Ich werde im Sommer 58 Jahre sein und damit im Lehrerzimmer mit großem Abstand die Älteste. Für die Kinder kann mehr Vielfalt nur guttun.

Zur Financial Times werde ich nicht zurückkehren. Ich muss es einfach hinbekommen, eine gute Lehrerin zu werden. Und sollte ich nach zwei Jahren doch merken, dass ich das nicht kann, werde ich mich auf die Arbeit für die Stiftung konzentrieren. Angst habe ich keine."

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