Prekäre Arbeitsbedingungen Bund will Ausbeutung junger Forscher stoppen

Auch ein großer Teil der gut 30 000 Mitarbeiter an Forschungseinrichtungen außerhalb der Hochschulen wie etwa den Fraunhofer-Instituten arbeitet befristet. (Symbolbild)

(Foto: imago/Westend61)
  • Bundesbildungsministerin Johanna Wanka will die Arbeitsbedingungen von jungen Forschern verbessern und dafür das Wissenschaftszeitvertragsgesetz reformieren.
  • Viele Nachwuchswissenschaftler in Deutschland arbeiten unter Zeitverträgen.
  • Wanka ermahnt die Länder, ihre Hochschulen zu fördern.
Von Roland Preuß und Johann Osel

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka will gegen die miserablen Arbeitsbedingungen vieler Nachwuchswissenschaftler vorgehen. Die Möglichkeit, Forschern befristete Verträge zu geben, werde "teilweise ausgenutzt", sagte die CDU-Politikerin in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

"Es ist indiskutabel, dass mehr als die Hälfte der Wissenschaftler bei ihrem ersten Vertrag kürzer als ein Jahr beschäftigt werden." Bei Doktorarbeiten müsse sich die Vertragsdauer daran orientieren, wie viel Zeit für die Promotion normalerweise nötig sei. "Das wird selten unter drei Jahren gehen", so Wanka. Die Ministerin kündigte an, hierzu das Wissenschaftszeitvertragsgesetz zu überarbeiten.

84 Prozent der etwa 160 000 Nachwuchswissenschaftler an deutschen Hochschulen haben laut dem jüngsten offiziellen Bildungsbericht mittlerweile Zeitverträge, ihr Anteil ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. Auch ein großer Teil der gut 30 000 Mitarbeiter an Forschungseinrichtungen außerhalb der Hochschulen wie etwa den Fraunhofer-Instituten arbeitet befristet.

Online-Petition erreicht 25 000 Unterzeichner

Nachwuchsforscher und die Bildungsgewerkschaft GEW beklagen seit Jahren eine Ausbeutung und Unsicherheit der Beschäftigten, die familienfeindlich sei und gerade Forscherinnen mit Kindern benachteilige. Eine Online-Petition gegen die prekäre Lage vieler Jungforscher unterzeichneten vergangenes Jahr mehr als 25 000 Unterstützer, die GEW hatte vergangenen Freitag einen eigenen Gesetzentwurf zum Thema vorgelegt.

Sogar der Wissenschaftsrat als wichtigstes staatliches Beratergremium der Bildungspolitik warnte 2014 davor, die Karriere als Nachwuchswissenschaftler werde immer unattraktiver. Zeitverträge reihten sich aneinander, die sich oft erst spät als "Sackgasse" erwiesen, schrieb das Expertengremium.

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Eine der Ursachen ist, dass Hochschulen Forschung immer häufiger über Drittmittel finanzieren - also Geld von außen, das oft nur ein paar Jahre fließt. Häufig sind die Verträge der beteiligten Forscher jedoch noch deutlich kürzer, zum Teil laufen sie nur wenige Monate. Auch dagegen will Wanka vorgehen. "Hier sollten die Verträge so lange laufen wie das Projekt, also in der Regel über mehrere Jahre", sagte sie. Zudem dürften dauerhafte Aufgaben an Unis nicht über Zeitverträge erledigt werden.

Wanka: "Der Bund ist nicht der Ausputzer der Länder"

Starre Mindestzeiten für alle Wissenschaftler lehnt sie jedoch ab. Dies wäre kontraproduktiv und würde nur Stellen kosten. Die Koalitionsfraktionen Union und SPD verhandeln derzeit über Änderungen am Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Die SPD-Fraktion im Bundestag hat bereits Eckpunkte für eine Reform vorgelegt. Bisher gibt es jedoch keine Einigung.

Wanka dämpfte Erwartungen, sie werde demnächst vernachlässigte Hochschulen fördern. "Der Bund ist nicht der Ausputzer der Länder. Die Länder dürfen ihre Hochschulen nicht vernachlässigen, das ist und bleibt ihre Aufgabe", sagte sie. Seit einer Grundgesetzänderung Ende Dezember kann der Bund Hochschulen, aber auch einzelne Institute dauerhaft fördern. Dies war wegen der Zuständigkeit der Länder bisher nur befristet möglich. Wanka hatte zugesagt, nicht nur Spitzeninstitute zu unterstützen. Viele Universitäten erhoffen sich nun eine Linderung ihrer Finanznöte. Die Ministerin verwies jedoch darauf, dass der Bund das Bafög seit diesem Jahr allein übernimmt und so die Länder jedes Jahr um 1,2 Milliarden Euro entlaste. Das Geld "liegt auf dem Tisch der Länder und muss dauerhaft eingesetzt werden."