Politikinteresse von Studenten Kritik an der Generation der Ichlinge ist ignorant

An den Unis herrschen heute vielerorts Zeitmangel und Leistungsdruck.

(Foto: dpa)

Die Bildungsministerin kritisiert das politische Desinteresse der Studierenden. Das grenzt an Hohn: Die Bologna-Reform hat den Geist der Effizienz überhaupt erst in die Universitäten gebracht. Anlass zum Protest gibt es dennoch.

Ein Kommentar von Roland Preuß

Es gibt sie noch, die Sitzstreiks und die politisierten Studenten: zum Beispiel vergangenen Winter an der Humboldt-Uni Berlin, wo sich Studenten im Flur niederließen, um eine Abstimmung über die Reform der Fakultäten zu verhindern. Sie soll die demokratische Mitsprache beschneiden, etwas, das Generationen von Studenten mühsam erstritten hatten. Es war fast wie in alten Zeiten in der Hauptstadt der Proteststudenten, allerdings nur im Kleinformat: Fast 34 000 Studierende zählt die Universität, 150 von ihnen machten sich die Mühe, für ihre Rechte zu erscheinen. Die politisch aktiven und streitbaren sind zu einer Splittergruppe zusammengeschrumpft.

Da passt es gut ins Bild, was Bundesbildungsministerin Johanna Wanka nun mithilfe einer Studie über die heutige Hochschüler-Generation zu vermelden hatte: So unpolitisch wie lange nicht sei sie, vor allem an der Karriere, gutem Einkommen und am Privatleben interessiert. Nicht einmal ein Drittel der Studenten gaben an, sich stark für Politik zu interessieren; das ist der geringste Wert seit 20 Jahren.

Wächst da eine Generation der Ichlinge heran? Eine Generation von Anpassern, die sich kaum mehr ums Gemeinwohl schert? Sogar die revolutionärer Umtriebe unverdächtige Wanka appellierte "eindringlich" an die "junge Generation", die politischen Freiheiten zu nutzen und für ihre Belange aktiv zu werden.

Studentenproteste waren schon immer lästig

Das grenzt an Hohn. Denn es waren Wanka und ihre Vorgänger in Bund und Ländern, die die Studenten auf diesen Weg geführt haben.

Studentenproteste waren Bildungspolitikern schon immer lästig: Man ignorierte sie, wenn man konnte, vereinnahmte sie, um mehr Geld zu bekommen oder umarmte die Nachwuchsakademiker voller Verständnis wie 1997 Bildungsminister Jürgen Rüttgers. Dann aber machte man die Räume enger: Ein Studium ist heute viel durchgeplanter, verschulter als vor der Bologna-Reform von 1999, die Bachelor, Master und die ständige Leistungsmessung durch Prüfungen und Credit Points brachte.

Der Druck ist gestiegen, das zeigen neuere Studien. Der Geist der Effizienz ist durch die Hochschulen gerauscht, hat den Studenten den Freiraum genommen - für Bildung neben dem Pflichtkanon und für Protest: Credit Points statt Sitzblockade.

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