Plagiats-Affäre Wissenschaftler bei VroniPlag Wiki hält Doktortitel für unverdient

Grundsätzlich geht es darum, dass die Autorin an zahlreichen Stellen wörtliche Formulierungen, zum Teil abgewandelt, übernimmt, ohne den Urheber dafür zu nennen. Die geistige Arbeit anderer wird im Plagiat als eigene Leistung verkauft. "Es ist eine Arbeit, die wissenschaftlichen Maßstäben nicht genügt", sagt Gerhard Dannemann von Vroniplag Wiki. Der Professor lehrt an der Berliner Humboldt-Universität Englisches Recht sowie Britische Wirtschaft und Politik. Laut Dannemann rechtfertigt es der Befund, dass von der Leyen ihren Doktortitel verliert. "Vroniplag stellt nichts auf die Homepage, wenn eine Aberkennung des akademischen Grades nicht grundsätzlich gerechtfertigt wäre."

Von Schavan bis Koch-Mehrin

Ursula von der Leyen ist nur eine von vielen deutschen Spitzenpolitikern, deren Doktorarbeiten kritisiert wurden. Eine Auswahl. mehr ... Bilder

Hinzu kämen viele Fehler, etwa wenn die Autorin Aussagen mit Quellen belege, die das Gesagte gar nicht untermauerten. Auf Seite 22 der Arbeit findet sich auch hierzu ein Beispiel: Dort führt von der Leyen als Beleg für ihre Ausführungen über Proteine die Veröffentlichung von Irving Kushner und weiteren Autoren an. Darin sei jedoch "an keiner Stelle" von diesem Thema die Rede, heißt es trocken bei Vroniplag Wiki. "Auffällig ist die Kombination von Abschreiben und dem Übernehmen von Fehlern, denen die Autorin weitere hinzufügt", sagt Dannemann.

Doktorarbeiten im Fach Medizin haben schlechten Ruf

Der Juraprofessor wirft der Verteidigungsministerin weitere Irrtümer vor, die gravierendere Folgen haben könnten als mangelhafte Quellennachweise an sich. So schreibe sie in einem Szenario davon, dass Fieberzacken ein Symptom seien, also rasch an- und abschwellendes Fieber. Tatsächlich sei jedoch in der als Nachweis genannten Quelle lediglich von Fieber die Rede, das Symptom sei also falsch beschrieben. "Wer sich an dieser Dissertation orientiert, könnte eine falsche Diagnose stellen", sagt Dannemann.

Ursula von der Leyen hatte ihre Dissertation über die Diagnose von Krankheiten vor der Geburt an der Medizinischen Hochschule Hannover 1990 vorgelegt und im Jahr darauf ihre Doktorprüfung bestanden. Der Haupttext umfasst lediglich 62 Seiten, was aber für sich genommen keinen Qualitätsmangel darstellt. Bei vielen Wissenschaftlern haben Doktorarbeiten im Fach Medizin einen schlechten Ruf, sie enthielten oft zu wenig Substanz und seien im Vergleich zu anderen Fächern mit wenig Aufwand zu erstellen. Auch über die Wissenschaftlichkeit der Texte wird mitunter gelästert. Dies spiegelt sich auch in öffentlich gewordenen Plagiatsfällen wider: Unter den 151 bei Vroniplag dokumentierten Arbeiten stammen 85 aus dem Bereich Medizin. Grundsätzlich gelten dort freilich dieselben Regeln für wissenschaftlich sauberes Arbeiten wie in anderen Fächern auch; Plagiate lässt keine Disziplin zu, trotz unterschiedlicher Zitierkulturen.

Im Fall Schavan hatte sich die Untersuchung monatelang hingezogen

Nun hängt viel von der Medizinischen Hochschule Hannover ab. Dort ist bereits eine Ombudsperson damit befasst, die Vorwürfe zu prüfen. Dies findet vertraulich statt, wie ein Sprecher der Hochschule versichert. Am Ende dieser Vorprüfung geht ein Bericht an die Hochschulleitung. Dieser wird bereits in den nächsten Tagen erwartet. Danach ist laut Hochschule damit zu rechnen, dass eine Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis eine förmliche Untersuchung einleitet. Das heißt, die Vorwürfe würden dann durch mehrere Wissenschaftler gründlich untersucht. Diese Kommissionen sprechen in der Regel eine Empfehlung aus, über die dann Hochschulgremien befinden. Jene wiederum können dann den Verlust des Doktortitels einleiten - oder die Vorwürfe als nicht schwerwiegend genug einstufen.

Der Titeljäger

Die Jagd nach Plagiaten macht er zu Geld: Martin Heidingsfelder lässt sich dafür bezahlen, dass er die Dissertationen von Politikern auf wissenschaftlichen Betrug hin untersucht. Mit der Seite Politplag nimmt er die Kandidaten der Bundestags-und Landtagswahlen 2013 ins Visier. Von Max Biederbeck, Berlin mehr ...

Im Fall der früheren Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hatte sich diese Untersuchung monatelang hingezogen, zudem war der vertrauliche Bericht des Vorprüfers an die Öffentlichkeit gelangt. Schavan hatte die zuständige Universität deshalb scharf kritisiert. Am Ende jedoch verlor sie ihren Doktortitel und ihr Amt in Berlin.