Plagiatsvorwürfe gegen SPD-Fraktionschef Uni Gießen prüft Steinmeiers Doktorarbeit

Die Uni Gießen kommt dem Wunsch von Frank-Walter Steinmeier nach: Die Hochschule hat angekündigt, die unter Plagiatsverdacht geratene Dissertation des SPD-Fraktionschefs zügig zu überprüfen. Experten bezweifeln, dass ihm der Doktortitel aberkannt wird.

Von Tanjev Schultz

Frank-Walter Steinmeier geht in die Offensive. Nachdem ein Fachhochschul-Professor aus Dortmund ihm vorgeworfen hatte, in seiner Doktorarbeit unsauber gearbeitet zu haben, hat der SPD-Fraktionschef die zuständige Justus-Liebig-Universität in Gießen um "förmliche Überprüfung" der gegen ihn gerichteten Plagiatsvorwürfe gebeten. Bereits zuvor hatte der 57-Jährige die Anschuldigungen als "absurd" bezeichnet.

Und die Hochschule in Gießen kommt dem Wunsch des sozialdemokratischen Politikers nach: Am frühen Montagnachmittag gab Uni-Präsident Joybrato Mukherjee bekannt, ein Ombudsmann werde die beanstandete Dissertation zügig überprüfen. Das Verfahren werde nur wenige Wochen dauern.

Am Wochenende hatte das Magazin Focus unter Berufung auf den Dortmunder Wirtschaftswissenschaftler Uwe Kamenz berichtet, Steinmeiers Promotion weise "umfangreiche Plagiatsindizien" auf. Demnach kommt eine von Kamenz entwickelte Plagiatssoftware bei der juristischen Dissertation aus dem Jahr 1991 auf eine "Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit" von 63 Prozent.

Unter Plagiatsexperten sind die Vorwürfe nach erster Prüfung hoch umstritten. Der Berliner Jura-Professor Gerhard Dannemann sagte SZ.de, man könne nicht ein Computerprogramm entscheiden lassen, was ein Plagiat sei. Dannemann spricht von drei Stellen in Steinmeiers Dissertation, die problematisch seien, das meiste seien eher kleinere Ungereimtheiten. Dannemann, der über viel Erfahrung im Umgang mit Plagiaten verfügt, zeigte sich skeptisch, ob die Mängel in Steinmeiers Dissertation ausreichen, um dem Politiker den Doktorgrad abzuerkennen.

Der Bremer Jura-Professor Andreas Fischer-Lescano, der als Erster Plagiate in der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) entdeckt hatte, kritisierte die Veröffentlichung der Vorwürfe durch Kamenz: "Hier werden bestenfalls ein paar vernachlässigenswerte Unsauberkeiten aufgelistet. Das ist weniger als ein Grenzfall. Das ist kein Plagiat, das sind weitgehend übliche Paraphrasierungsformen mit einigen Unsauberkeiten im Detail." Fischer-Lescano nannte die Studie von Kamenz "unseriös".

"Die Software kann keinen Menschen ersetzen"

Ähnlich äußert sich auch die Berliner Medieninformatikerin Debora Weber-Wulff, die das Zahlenwerk in der Studie in Frage stellt. Weber-Wulff ist nicht nur Professorin, sondern auch Aktivistin von "VroniPlag", einer Internet-Plattform, auf der wissenschaftliche Arbeiten auf Plagiate untersucht werden. Bei VroniPlag, so betont Weber-Wulff, würden Plagiatsstellen nicht maschinell bewertet, sondern von mindestens zwei Personen als Gutachtern.

Kamenz selbst räumt ein: "Die Software kann keinen Menschen ersetzen." Dennoch ist er mit seiner Untersuchung an die Öffentlichkeit gegangen. Interessant ist dabei auch die Beziehung zwischen Kamenz und dem Focus: Das Magazin ist Sponsor von Kamenz' Plagiatsanalysen. Focus hat die Geschäftsbeziehung eingeräumt, ein Sprecher betonte aber, es handele sich um eine generelle finanzielle Unterstützung, "losgelöst von der Untersuchung bestimmter Dissertationen".

Wohl auch vor diesem Hintergrund spricht ein früherer Kommilitone Steinmeiers, der Jura-Professor und Intendant des Stadttheaters Konstanz Christoph Nix, von "Rufmord" gegen den SPD-Politiker. Steinmeiers Dissertation sei seinerzeit von "den sorgfältigsten Betreuern des Fachbereichs", darunter dem späteren Bundesverfassungsrichter Brun-Otto Bryde, begutachtet worden. "Seine Dissertation stellte thematisch ein Alleinstellungsmerkmal dar", so Nix. Die Vorwürfe von Kamenz hätten "Marketingcharakter" und seien "völlig absurd".

Plagiatsexperten wollen nicht ausschließen, dass eine sorgfältige Analyse der Dissertation noch Mängel zu Tage fördert, die das Gutachten so bisher nicht erkennen lässt. Aber bisher überwiegt der Zweifel, ob es sich hier wirklich um einen Fall für ein Verfahren zur Aberkennung des Titels handelt.

Mit Material der Agenturen