Plagiatsvorwürfe gegen Bildungsministerin Annette Schavan, Dr. Fehler

Recht, Rache oder ein Schmierentheater? Die Plagiatsaffäre um Annette Schavan erzürnt die Bildungsministerin und entzweit die Wissenschaft. Der Vorwurf eines Politikerbonus ist dabei nicht gerechtfertigt: Die Arbeit wurde gründlich geprüft, die Mängel sind offensichtlich. Ein Titelentzug ist dennoch nicht nötig.

Ein Kommentar von Roland Preuß

Als Annette Schavan ihre Doktorarbeit in Düsseldorf ablieferte, herrschten in Deutschland Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher und Erich Honecker, in New York wurde John Lennon erschossen und Philipp Rösler war sieben Jahre alt. Seit 1980 ist einiges passiert, vieles vergessen und verziehen worden. Nicht so die Fehler in Schavans Doktorarbeit.

Die Universität Düsseldorf treibt das Verfahren zum Entzug von Schavans Titel so kühl voran wie ein Experiment mit Elementarteilchen. Ist das nun Recht, Rache oder ein Schmierentheater?

Die Bundesbildungsministerin hat die Plagiatsvorwürfe als politisch motivierten Angriff interpretiert, geführt von anonymen Kräften im Internet. Das Problem ist nur: Die Vorwürfe haben Substanz. Ein unverdächtiger Professor hat die Mängelliste selbst nachvollzogen, Bagatellfälle aussortiert und streng, aber präzise Dutzende Verstöße gegen wissenschaftliche Regeln belegt. Der Universität bleibt gar nichts anderes übrig, als dies nun offiziell zu prüfen.

Was für ein Polit-Theater

In den vergangenen Tagen gab es reichlich Versuche, diesen Schritt zu sabotieren. Es war wie aus dem Lehrbuch: Bekannte von Schavan attackierten den Bericht der Universität mit Gegengutachten, die dem Publikum weismachen wollten, es handle sich um Flüchtigkeitsfehler. Selbst ernannte Experten bescheinigten den Düsseldorfern Verfahrensfehler. Und die großen Wissenschaftsorganisationen beteiligen sich an den Angriffen auf die Universität, weil sie angeblich gängige Standards nicht einhält.

Dass die Organisationen Milliarden aus dem Hause Schavan erhalten, bringt sie nun in den Ruch, ausgerechnet in diesem prominenten Fall Partei zu nehmen. Was für ein Polit-Theater.

Diese Vorgänge machen die Causa Schavan aber noch längst nicht zu einem klaren Fall, der nur den Entzug des Titels zur Folge haben kann. Ihre Fehler sind weit entfernt von der Texträuberei eines Karl-Theodor zu Guttenberg. Bei Schavan geht es um Absätze und einzelne Seiten, bei Guttenberg waren es ganze Kapitel.

Es gibt jenseits des weiten Freundeskreises der Ministerin einige Wissenschaftler, die ihre Arbeit nicht als Plagiat werten. Unter ihnen sind Forscher, bei denen sich Schavan bedient hatte. Sie hätten eigentlich Grund, verärgert zu sein. Doch ihr Aufstand ist ausgeblieben - schon das ist bezeichnend.

Schavan bewegt sich mit ihren Fehlern im Graubereich zum Plagiat, auch wenn es die dunkelgraue Variante ist.

Manche Wissenschaftler mögen einen Politiker-Bonus fürchten. Doch den gibt es nicht, die Wissenschaft kommt zu ihrem Recht: Die Arbeit wurde gründlich geprüft, die Mängel sind offensichtlich. Schon jetzt ist die Ministerin mit einem beschädigten Ruf gestraft, ihr Doktortitel weitgehend entwertet. Der Titelentzug ist nicht nötig, damit Doktoranden künftig sauber arbeiten. Nach den zahlreichen Plagiatsaffären dürfte auch der letzte Forscher erfasst haben, dass Fußnoten nicht als Zierrat gedacht sind.

Einen Zwischenweg gibt es kaum

Die Universität muss eine harte Entscheidung treffen: Entweder sie entzieht den Doktortitel oder nicht. Einen Zwischenweg gibt es kaum. Die Entscheidung liegt aber in ihrem Ermessen.

Hier sollte nicht nur einfließen, dass sich Schavan im Graubereich zwischen Abschreiben und Schlampen bewegt. Es spielt auch eine Rolle, dass ihre Fehler 33 Jahre zurückliegen. Dies darf die Universität berücksichtigen - und dies sollte sie auch tun. Auch wissenschaftliche Fehler dürfen irgendwann verblassen. Noch dazu, wenn sich durch die Plagiate niemand persönlich geschädigt fühlt.

Die Universität sollte die Mängel feststellen, die Schavans Dissertation hat. Den Titel sollte sie ihr lassen. Es wäre fortan ein Doktortitel mit Fußnote. Links unten auf dem Deckblatt könnte dann gewissermaßen stehen: Vorsicht Fehler!