Plagiats-Vorwürfe gegen Schavan "Es trifft mich im Kern"

Ein Uni-Gutachter stellt Plagiate in der Doktorarbeit von Annette Schavan fest, die Bildungsministerin wehrt sich vehement gegen Vorwürfe der absichtlichen Täuschung. Der zuständige Fakultätsrat wird in den kommenden Tagen eine Entscheidung über ihren akademischen Titel fällen.

Von Tanjev Schultz, Evelyn Roll und Roland Preuß

Anette Schavan hatte in Düsseldorf Erziehungswissenschaften studiert und dort 1980 mit der Dissertation "Person und Gewissen" abgeschlossen.

(Foto: dpa)

Als Bundesbildungsministerin macht sich ein Doktortitel gut, Annette Schavan ist mittlerweile sogar Honorarprofessorin. Doch nun muss die CDU-Spitzenpolitikerin um ihren Titel fürchten - und damit um ihr Amt: Plagiatsvorwürfe kommen nicht mehr nur von Bloggern im Internet. Sie werden jetzt auch vom offiziellen Gutachter der Universität Düsseldorf erhoben, an der Schavan vor 32 Jahren ihren Doktortitel erwarb.

Der Gutachter fasst sein Urteil in einem komplizierten, im Ergebnis aber eindeutigen und ziemlich vernichtenden Satz zusammen: "Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren." Soll heißen: Schavan habe bei ihrer Doktorarbeit absichtlich getäuscht. Die Bundesbildungsministerin bestreitet die Vorwürfe nach wie vor. "Die Unterstellung einer Täuschungsabsicht weise ich entschieden zurück." In der Süddeutschen Zeitung fügte sie hinzu: "Es trifft mich. Es trifft mich im Kern. Es trifft den Kern von dem, was mir wichtig ist."

Mängel auf 60 Seiten

Nach der Causa Guttenberg bekommt es Angela Merkel nun in ihrem Kabinett mit dem Fall Schavan zu tun. Bei Karl-Theodor zu Guttenberg waren die Plagiate einfacher zu finden, sie waren umfangreicher und dreister. Schavans Dissertation galt in den vergangenen Monaten, nachdem die ersten Vorwürfe laut wurden, als Grenzfall. Doch das Gutachten kennt keine Gnade. Es bescheinigt Schavan, dass man in der Dissertation durchaus "beispielhafte Belege für ein der Sache nach korrektes Regelverständnis" finde. Das aber rückt die Schwächen an vielen anderen Textstellen in ein umso grelleres Licht.

Es sei "von einer hinreichenden Vertrautheit der Verfasserin mit wesentlichen Regeln" auszugehen, heißt es in dem Gutachten. Diese Regeln würden jedoch auf etlichen Seiten nicht befolgt. Auf 60 von 351 Seiten hat der Gutachter Stefan Rohrbacher Mängel gefunden - unzulässige Übernahmen aus den Werken fremder Autoren. In etlichen Fällen wirke es so, als habe Schavan mit Originalquellen wichtiger Philosophen und Psychologen gearbeitet; in Wirklichkeit habe sie sich aus der Sekundärliteratur bedient. Schavan soll immer wieder geblufft haben - Wissen und Werke angeführt haben, die sie womöglich gar nicht gelesen hatte.

Verliert Schavan den Titel?

Trotz des scharfen Urteils ist damit noch nicht sicher, dass Schavan ihren Doktortitel verliert. Die Entscheidung darüber trifft nach Auskunft der Universität Düsseldorf in den kommenden Tagen der Fakultätsrat auf Grundlage des Berichts. Dessen Autor hat durchaus Gewicht: Stefan Rohrbacher ist Professor für Jüdische Studien und Prodekan an der Uni Düsseldorf. Er ist auch Vorsitzender des zuständigen Promotionsausschusses. Im Rat der Philosophischen Fakultät sitzen neben weiteren Professoren auch Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter. Es könnte heiße Debatten geben, Rohrbachers Gutachten wird dafür die Grundlage bilden.